Geza Losos Linkshändernotation – Beispiele für Klavier

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GEZA LOSO

Klavier

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Géza Losó, left-handed pianist

Geza Loso gilt als Erfinder des Linkshänderklaviers. Zusammen mit der renommierten Firma Blüthner aus Leipzig konzipierte er 2001 den ersten modernen Linkshänder-Konzertflügel der Welt. 2009 folgten verschiedene Klaviermodelle für Linkshänder und 2015 weitere E-Pianos, die auf Knopfdruck vom Rechtshänder- auf das Linkshändersystem umpolbar sind. 

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Im Interview mit Linksgespielt

Gespräch vom 07.10.2021

Konnten Sie als Kind in der Schule Ihre Linkshändigkeit schon ausleben? 

Ja. Also jein. Besser gesagt, irgendwie habe ich gespürt, dass ich manches mit links gemacht habe, aber trotzdem musste ich in der Schule mit rechts schreiben. Was heißt ‚musste ich’…? Ich habe andere Kinder mit rechts schreiben sehen und sofort den Füller auch in die andere Hand genommen. Und das war mein größter Fehler damals als Sechsjähriger. Ich hätte mit links schreiben müssen! Meine Schwester war drei Jahre älter und hatte mir zuhause schon Aufgaben gegeben in der Vorschule und da habe ich alles mit links gemacht, alles.

Hätten Sie denn in der Schule mit links schreiben dürfen?

Ich glaube, wenn ich zurückdenke, in Ungarn war es möglich. Aber die Lehrerin hat so grimmig geschaut und das deutete darauf hin, dass es wahrscheinlich noch nicht möglich gewesen wäre… Meine Mutter war vermutlich auch Linkshänderin. Ich denke, ich wäre damit durchgekommen. Das war ein Fehler von mir. 

Ihr Vater hat gemerkt, dass am Klavier etwas nicht passt für Sie. Wann haben Sie das zum ersten Mal gemerkt?

Ich habe in Ungarn, in Budapest, an der Musikhochschule studiert und immer gedacht, ich sollte noch mehr üben. Aber die Umgeschulten können lange üben und erreichen trotzdem nicht das Pensum von Rechtshändern am normalen Instrument. Es fehlt die Technik und auch die Gestaltung. Jedenfalls hatte mein Vater gesagt: „Du bist ja hochbegabt, aber deine Gestaltung ist komisch und du spielst alles zu schnell und zu hektisch. – Und du bist ja Linkshänder“, sagte er. „Was?! Ich mache alles mit rechts!“ sagte ich. „Ich werfe einen Ball mit rechts mindestens zehn Meter weiter als mit links, einen Stein auch. Ich mache alles mit rechts!“ Das war eben mein Fehler, dass ich bei der Einschulung nicht bei der linken Hand geblieben bin. Jedenfalls habe ich mir dann in der Musikhochschule gedacht: „Wenn er sagt, ich bin Linkshänder, muss ich das Instrument linksrum haben“. Da bin ich selber draufgekommen. Ich nahm ein Holzbrett und habe eine Tastatur aufgemalt von rechts nach links, also die tiefen Töne auf der rechten Seite. Dann habe ich ein Stück von Mozart drauf gespielt und mir lief ein kalter Schauer über den Rücken. Das war mir vorher noch nie passiert! Und seitdem, das war 1972, wusste ich: Linkshänder brauchen Linkshänderinstrumente.

Wahnsinn, dass Sie auf diesen Zusammenhang mit der Händigkeit gekommen sind. Zumal es damals ja noch niemanden gab, der das erkannt hat…

Ja, ich habe gewusst: Wir brauchen Linksklaviere. Überall habe ich danach gefragt, ich war öfter in den USA und in ganz Europa. Einige Hersteller haben gesagt: „Ja gut, wenn der Bedarf da ist, bauen wir so ein Klavier“, aber überwiegend haben sie mich ausgelacht. Und 2001, als Blüthner den ersten Linkshänderflügel fertig hatte, gingen die Nachrichten um die Welt. Josef Engels schrieb am 8. März 2001 auf der Titelseite der Zeitung „Die Welt“: „Geza Loso sei Dank.“ Ich war damit auch in der Tagesschau: „Endlich gibt es moderne Konzertflügel für Linkshänder!“ Und was ist passiert? Die Leute, die mich ausgelacht hatten, kamen als erste zum Gratulieren.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Sie hatten keine Vorbilder oder Mitstreiter für das Linkshänderklavier, sondern haben ganz alleine durchgesetzt, dass es gebaut wird?

Ja. Natürlich hatte niemand vorher davon gehört. Daher beantragte ich, Geza Loso, am 06.09.1992 die Erteilung eines Patentes für Flügel, Klaviere bzw. elektrische Tasteninstrumente, die für Linkshänder geeignet sind, beim Deutschen Patentamt München.  

Sehr wichtig ist, dass man auch die Noten spiegeln muss, passend zur spiegelverkehrten Tastatur. Denn man kann nicht alles auswendig spielen, sondern muss erst mal nach Noten spielen lernen. 

Das war so verblüffend: Wenn ich damals in der Musikhochschule im Solfège-Unterricht nach Noten singen musste, habe ich immer falsch gesungen und mein Dozent hat gesagt: „Also der Geza, das ist ja Wahnsinn, der hat das absolute Gehör, erkennt sofort die Töne, egal wo und auf welchem Instrument, und trotzdem kann er nicht sauber nach Noten singen.“ Aber das ist ja klar, das Notenbild darf nicht für Linkshänder falschrum sein. Meine Linkshänder-Notation habe ich schon 1992 aufgesetzt, und damit habe ich glasklar gesungen.

Die Linkshänder müssen überall mit Sachen kämpfen, die für Rechtshänder ausgerichtet sind. Das Wichtigste, das ich immer sage: Wenn ein Linkshänder Klavier spielt, muss er eine Linkshändertastatur, also ein Linkshänderinstrument, haben. Aber noch wichtiger ist es, in der Schule mit links zu schreiben.

 

Als Sie das erste Mal tatsächlich auf einem gespiegelten Klavier spielen konnten, war das dann so, wie Sie es sich erhofft hatten? Wussten Sie sofort: Genau das ist das Richtige?

Blitzschnell lief mir ein kalter Schauer über den Rücken und ich hatte sofort ein wahnsinnig gutes Gefühl für mein Spiel, als ich mit meiner linken Hand die Melodie gespielt habe. Ich wusste es sofort. Es war wie ein Blitzschlag! Und ich hab mir gedacht: „Warum übst du rechtsrum?“ Ich war ausgebildeter Konzertpianist. Aber eben rechtsrum. Wahnsinn! Glenn Gould war auch Linkshänder und hat im Fernsehen des Öfteren gesagt, er sei unzufrieden mit seiner Gestaltung. Ist ja klar. Er hat überwiegend polyphonische Musik – Johann Sebastian Bach – gespielt. Mehrstimmigkeit ist für Linkshänder im Konzert zwar leichter, aber dafür braucht man eigentlich auch ein gespiegeltes Instrument, die Tasten und auch das Pedal. Das ist wichtig.

Und wie war das Umlernen? Es hat ja wahrscheinlich nicht gleich alles super geklappt auf dem Linkshänderinstrument. Wie sind Sie denn da vorgegangen?

Beim Umlernen habe ich gemerkt, dass ich es ganz schnell umsetzen könnte, aber da fehlte was. Ich habe nämlich am Anfang noch rechts gelesen, aber links gespielt. Und als ich die gespiegelten Noten gemacht habe, merkte ich: Das passt genau zu der Linkshänder-Tastatur. Ich wurde damit immer besser und immer schneller. Aber da ich die ganze Zeit auch noch rechtshändig Unterricht gegeben habe, war es wie ein Jojo-Effekt. Hin und her. Umschalten konnte ich ganz schnell, aber wenn ich für die Schüler Stücke mit rechts vorgespielt habe, war es links plötzlich nicht mehr so gut. Aber das war vor 20 Jahren, heutzutage ist das nicht mehr so. 

Können Sie sagen, wie lange das Umlernen ungefähr gedauert hat?

Ja, also bei mir würde ich sagen, mindestens fünf Jahre, aber bereits nach einem Jahr konnte ich mit einem sehr guten Gefühl links Klavier spielen. Das ist natürlich individuell verschieden. Also, wie soll ich es sagen: Es hat ca. 5 Jahre gedauert, bis es perfekt ging, bis ich gemerkt habe: „Jetzt kann ich richtig links spielen“, und schade, dass ich nicht direkt so gelernt habe damals. Meine Frau ist Diplom-Pädagogin. Meine ganze Familie arbeitet seit Jahrzehnten dafür, dass Kinder von klein auf so Klavier spielen lernen, wie ihnen die Hände gewachsen sind. Nur so bleibt ihnen eine schwierige Rückschulung erspart.

Geht heute mit links wirklich alles besser oder gleich, oder gibt es immer noch Sachen, die andersrum besser funktionieren?

Nein, es gibt gar nichts, was rechts besser geht. Also rechts spiele ich schnell, gut und rational. Links spiele ich gefühlvoll. Ich mache sehr viele Youtube-Aufnahmen mit meinem Sohn Frédéric zusammen. Er ist Linkshänder und hat Digital Film & Animation studiert. Bei meiner Rückschulung hat es am Anfang noch nicht so richtig gestimmt, da fehlte noch ein bisschen ein Plus. Das ist ein Lernprozess bei der Rückschulung. Diese technischen Sachen sind jetzt ganz anders. Aber das Verblüffende ist natürlich die Gestaltung! Ich habe jetzt ein richtig gutes Gefühl bei dem, was ich spiele. Früher hatte ich das nicht. Zack, zack, zack. Mein Vater hat gesagt: „Üb’ schön weiter. Eine super Technik hast du, du kannst alles schnell spielen. Aber das ist so, wie wenn es bei den Ohren rechts reingeht und links rauskommt“. Also nichts ist geblieben. 

Und trotzdem habe ich auch gemerkt, von den Sprachen, die ich früher gelernt habe – Englisch und Russisch musste ich lernen – tauchten in der Rückschulung plötzlich wieder Sätze auf, die zwischendurch weg waren, weil ich mit rechts geschrieben hatte. Irgendwie ist also doch was hängengeblieben. Das Einzige, was nicht so schnell geht, ist das Schreiben. Ich schreibe seit 20 Jahren mit links, aber die Schnelligkeit kriege ich nicht so hin, wie ich mit rechts geschrieben habe. Deshalb ist es so wichtig, dass Sechsjährige so schreiben, wie ihre Hände gewachsen sind, sozusagen. 

Wenn Sie jetzt auf einem Rechtshänderklavier spielen, ist dann die musikalische Vorstellung in Ihrem Kopf anders als auf dem Linkshänderklavier?

Ja klar! Das ist irgendwie leer, sagen wir so. Aber es ist ein bisschen besser geworden. Das heißt, dadurch, dass ich links spiele, kann ich rechts Dinge auch besser verarbeiten. Aber ich habe lange nicht mehr rechts gespielt. Nur für die Kinder, meine Schüler, wenn ich etwas vorspiele. Da muss ich ja rechts spielen. Kann ich alles, nichts verlernt, aber es klingt – wie soll ich sagen – oberflächlich.

Wie viele und welche linken Instrumente haben Sie denn inzwischen? Was steht da bei Ihnen rum?

Mein Sohn Jefferson ist auch Linkshänder, er ist Arzt in Kiel und spielt auf einem Linkshänderklavier. Dann habe ich hier in Trier ein Blüthner-Klavier – perfekt! – das klingt wuuunderschön! Dann hab’ ich einen Blüthner-Konzertflügel, 2,10 Meter, und noch ein Linkshänderklavier, und zwar das Irmler-Klavier, das ist eine Tochterfirma von Blüthner. Die Julius Blüthner Pianofortefabrik in Leipzig baut derzeit für Linkshänder Haessler- und Blüthner-Klaviere. Auch der Blüthner Konzertflügel für Linkshänder ist bestellbar, genauso wie E-Klaviere und Keyboards für Linkshänder. Ich bin der Firma Blüthner so dankbar, dass sie das alles geschafft haben. Das war nicht einfach. Sie mussten z. B. die Gussplatte des Flügels erstmal spiegelverkehrt herstellen. Ihnen gebührt großer Dank.

Das ist wahrscheinlich echt ein Aufwand gewesen…

Ja, aber wenn sie es einmal gemacht haben, können sie ja serienmäßig bauen. Nur die Leute brauchen mehr – wie soll ich sagen – sie brauchen etwas Zeit, bis sie aufwachen. Genau wie man lange in der Schule nicht mit links schreiben durfte. Das ist ein Lernprozess und wird auch in der Musikbranche kommen. Da bin ich hundertprozentig sicher, denn ich bekomme immer wieder E-Mails mit Aufträgen. Seit 2014/15 gibt’s auch Keyboards und E-Klaviere für Linkshänder von Blüthner, die man auf Knopfdruck elektronisch umpolen kann. Das heißt, wenn in der Familie ein Kind linkshändig ist und das andere rechtshändig, kann man – zack – umpolen und beide können gut damit arbeiten. Diese Instrumente haben eine sehr gute Anschlagsdynamik, was das Allerwichtigste ist beim Keyboard. Und einen guten Klang. Der Blüthner-Klang ist weltberühmt! Die Instrumente singen! Keyboards haben wir schon viele verkauft. Das ist der einfachste Einstieg und das günstigste Instrument. Ich bin der Firma Blüthner sehr dankbar, dass es für Linkshänderinstrumente keinen großen Aufpreis gibt.

Und gibt es schon Konzertflügel im Umlauf?

Da müsste man die Firma Blüthner fragen. Wir verkaufen über unseren Klavier-Shop sehr viele E-Klaviere und auch Klaviere für Linkshänder. Es geht nichts über ein akustisches Instrument in der Klavierbranche!

Spielen Sie manchmal mit anderen Instrumenten zusammen – also mit Nicht-Klavieren – und können Sie beschreiben, was dabei mit dem Linkshänderklavier anders ist?

Gute Frage! Ich mache auch Jazz, improvisiere sehr viel. Ich habe auch ein Jazz-Trio. Jetzt wegen Corona konnten wir nicht proben, aber da spiele ich und es ist mit links ein ganz anderes Gefühl zusammen. Früher, als ich Tanzmusik und Jazz gespielt habe, stimmte es immer am Anfang des Stückes und am Schluss auch, aber zwischendrin habe ich geschwitzt! :) Ich habe immer versucht, nach meinem absoluten Gehör so zu spielen, sodass ich im richtigen Takt bin. Das war ein schwieriger Prozess, der eigentlich recht gut ging, weil ich es geübt hatte. Aber jetzt – ich nehme immer mein Linkshänder-Keyboard mit zur Probe – ist es ein ganz anderes Gefühl, die Melodie kommt richtig durch und wenn ich improvisiere, schmeiße ich nicht die Periode. Es ist ja das Schwierigste beim Improvisieren, dass man immer wissen muss: Jetzt sind wir im 15. Takt, das ist der 18., da hab’ ich As-Dur 7 und so weiter… Also seit ich links spiele, habe ich immer im Kopf, welche Stelle das gerade ist, wo ich bin. Und deshalb geht es besser, mit dem Bassisten, dem Schlagzeuger und der Gitarre zusammenzuspielen. Es macht mehr Spaß.

Dann ist beim Linksspielen auch die Konzentration besser?

Erstmal nur, wenn ich improvisiere. Da muss man konzentriert sein und muss dabei sein, damit man die Periode hält. Aber normalerweise spielt man ganz locker und ganz anders. Gefühlvoll und nicht rational. 

Es gab bestimmt auch ganz viele negative Reaktionen und Vorbehalte, grade am Anfang. Was haben die Leute gesagt? Und treffen Sie heute noch auf Widerstände gegen die Idee des Linkshänderklaviers?

Ja natürlich, es gibt heute immer noch Leute, die sagen: „Man hat zwei Hände. Das Klavier wurde für zwei Hände gemacht“. Das sind die größten Gegner. Die wissen nicht, dass die Händigkeit beim Klavier noch wichtiger ist als bei anderen Instrumenten. Es ist nämlich so: Mit zwei Händen hat man am Klavier drei Funktionen: Bässe, Akkorde und Melodie. Und wenn man das durcheinanderbringt, dann hat man irgendwo Defizite. Es ist nicht egal, welche Hand was spielt, weil bei einer Hand das Gehirn immer um den Bruchteil einer Sekunde schneller schaltet. Beim Linkshänder ist das die Linke, deshalb muss man die Melodie, die absolut immer das Wichtigste beim Klavierspiel ist, mit dieser Hand spielen. Die Melodieführung ist das Wichtigste und muss in die dominante Hand. Dann ist die Gestaltung richtig, dann hat man ein gutes Gefühl und alles andere kann man dazu formen – aber nicht umgekehrt. Und als ich rechtshändig gespielt habe, da habe ich eine wahnsinnige Technik gehabt in der rechten Hand, aber da war alles so bisschen durcheinander. Beim Klavier ist es einfach sehr, sehr wichtig, dass man als Linkshänder auch ein Linkshänderinstrument hat. 

Wie hoch ist der Linkshänder-Anteil bei Ihren Klavierschülern?

Mein Ziel ist es, nur noch linkshändige Klavierschüler zu unterrichten. Wir bieten Seminare für das linkshändige Klavierspiel an. Dies wird sehr gut angenommen. Die Seminarteilnehmer halten auch nach dem Seminar guten Kontakt zu uns und sind mit ihrem linkshändigen Klavierspiel sehr zufrieden. Mein bzw. unser Ziel ist es, dass bald überall Linkshänder an Klavieren für Linkshänder spielen können und, dass die Seminarteilnehmer selbst Klavierunterricht links erteilen können.

Und es kommen bestimmt auch linkshändige Schüler gezielt zu Ihnen zum Unterricht, gerade wenn sie in der Gegend wohnen.

Ja, aber es gibt natürlich auch noch Fälle, wie ich letztens hatte: Ein Mädchen ist Linkshänderin und schreibt auch in der Schule mit links. Aber zum Klavierspielen haben die Eltern gesagt: „Was machst du, wenn du irgendwo einen Auftritt hast? Dann hast du kein Linkshänder-Instrument“ usw. Da haben die Eltern vom Linksspielen abgeraten und wollten immer rechts, sie solle rechts bleiben… Das Mädchen war sehr verwirrt und man konnte kaum mit ihr reden. Sie hat dann aufgehört und ich glaube, jetzt spielt sie gar nicht mehr Klavier. 

In meiner Laufbahn habe ich immer gemerkt: Jeder dritte oder vierte der Umgeschulten hört irgendwann auf, weil es keinen Spaß mehr macht. Weil die vom Klavierspielen nur die technische Seite haben – die Gefühle sind sozusagen links liegen geblieben. 

Sind Ihnen auch schonmal Linkshänder begegnet, die sich am konventionellen Klavier wohler fühlen oder – andersrum – Rechtshänder, die irgendwie das linke Klavier logischer finden?

Da kann ich nur ein Beispiel nennen: Als ich 2001 den weltweit ersten Konzertflügel für Linkshänder vorgestellt habe und alle Fernsehsender gekommen sind, da kam auch ein Linkshänder, der sagte: „Das ist ja eine Katastrophe! Man spielt rechts Klavier!“ usw. Der hat sich hingesetzt und ich konnte ihn nicht mehr wegscheuchen. Eine halbe Stunde lang hat er das Instrument ausprobiert. Und das ist schon komisch: Erst kritisieren sie mich, aber wenn sie es selber ausprobieren, merken sie, wie es sich anfühlt, mit der anderen Hand die Melodie zu spielen, und dann muss ich plötzlich sagen: „Entschuldigung, jetzt kommen bitte auch mal alle anderen dran“.

Es gibt natürlich Linkshänder, die relativ gut rechts spielen. Das war bei mir auch so, ich musste immer perfekt sein, egal ob rechts oder links. Man hat dieses Gefühl, man soll weiter studieren, dann klappt das schon und so weiter. Aber die wollen nicht wahrhaben, dass sie einen Fehler machen, leider. Ich bin sicher, wenn ich zehn linkshändige Schüler, die rechts spielen, fragen würde, würde vielleicht die Hälfte sagen: „Joa, ich komm’ damit klar.“ Aber innerlich wissen sie, dass sie einen Fehler machen.

Und sie wissen ja nicht, wie es sich noch besser anfühlen könnte…

Jaja, weil sie nie dieses Gefühl haben, das mich damals in der Musikhochschule wie ein Blitzschlag getroffen hat. Das hab ich nie gehabt rechtsrum, nie, nie. Dass man so ein gutes Gefühl hat von seiner eigenen… wie soll ich sagen… die Emotionen sind ganz anders! Ich sag immer: Ein Umgeschulter lässt die Gefühle links liegen – wenn er rechts spielt, natürlich. 

Wie war die Situation als Sie zum allerersten Mal an einem richtigen Instrument links gespielt haben? War das ein E-Piano?

Der Seniorchef der Julius Blüthner Pianofortefabrik GmbH, Herr Ingbert Blüthner-Haessler sagte mir damals: „Herr Loso, üben Sie schön, weil das Klavier wird in ca. einem Jahr – also es hat 9 Monate gedauert – fertig sein, damit Sie dann schön spielen können!“ Und da konnte ich links schon spielen, weil ich ein Umpolgerät gehabt habe, schon Anfang der 90er Jahre und da hab’ ich versucht, auf einem umgepolten Keyboard links zu spielen. Aber da fehlte die gute Anschlagsdynamik und dadurch hat es mir nicht so viel Spaß gemacht. Die heutigen E-Klaviere sind natürlich ganz anders. Auch vom Anschlag her ist das wie ein Klavier oder Flügel. Sie spielen auch Klavier?

Nicht wirklich. Ich war da immer sehr schlecht drin.

Sie wissen, warum. :) Das liegt daran, dass Sie unbewusst das Notenbild als Linkshänderin ja anders im Kopf haben. Die Umgeschulten können meistens nicht so richtig fließend Noten lesen. Das hängt damit zusammen, dass das Notenbild rechtshändig ist. Ich spiele jetzt wirklich allerschwierigste Literatur – alles Mögliche von Bach bis Rachmaninov – und das nur durch meine Linkshänder-Notation. Die kann das Gehirn schneller verarbeiten. Damit geht auch die Rückschulung zum linkshändigen Spielen schneller. Mein Schüler bestätigte mir, dass meine Linkshänder-Notation auch hervorragend für das Spielen auf der klassischen Gitarre funktioniert.

Schreiben Sie also alle Stücke um, die Sie üben?

Wenn ich etwas Neues übe, auf jeden Fall. Und die linkshändigen Schüler, die regelmäßig zu mir kommen – einige kommen sogar extra von weither, um bei mir Unterricht zu nehmen –, arbeiten auch nach meiner Methode. Denn für Linkshänder ist das normale Notenbild falschrum. Das weiß man nicht, weil das unterbewusst ist. Aber Linkshänder können Stücke viel schneller draufhaben, wenn die Noten gespiegelt werden. Dabei müssen natürlich auch die Notenköpfe nach links geneigt sein. Dann erfasst man das Stück beim Lesen sehr viel schneller und kann es besser umsetzen. Die linkshändigen Schüler sind damit alle zufrieden. Als Musikpädagoge habe ich gemerkt, dass jeder Dritte oder Vierte eigentlich umgeschult ist. Ich höre das raus, weil ich ein absolutes Gehör habe. 

Und damit hören Sie, wenn Kinder eigentlich „falschrum“ spielen?

Ja, weil die rational spielen. Es gibt immer eine Hand, die schneller arbeitet, bei Linkshändern ist das die linke. Aber eigentlich arbeitet sie nicht schneller, sondern das Signal kommt früher im Kopf an. Die Literatur ist eben rechtshändig konzipiert, weil wohl der Cristofori, der das Klavier „erfunden“ hat, selbst Rechtshänder war… Wenn ich das erfunden hätte, hätte ich sofort die Tastatur von rechts nach links gebaut, nicht umgekehrt. :)

Aber es gibt Schüler, die davon profitieren, dass ich sage: „Du bist ja Linkshänder, ich hör’ das raus“. Dann beschäftigen sie sich mit der Thematik, erkundigen sich, wie das mit der Umschulung ist, usw.

Es wäre interessant, wenn Sie mir ein Beispiel Ihrer gespiegelten Notation schicken könnten.

Mach ich. Ich arbeite mit zwei sehr guten englischen Programmen. Sibelius ist sehr gut. Die haben damals für mich ein paar Sachen fertiggestellt, damit ich links die Noten schneller schreiben konnte. Und dann hab’ ich noch ein neues Programm, das ermöglicht, auch die Notenköpfe richtig linkshändig zu machen. Wahnsinn! Das sind Kleinigkeiten, aber die sind wichtig. 

Diese zweite Programm, haben Sie das extra machen lassen?

Nein, das gab’s schon, genau wie Sibelius. Ich hab’ ja damals in England mit den Leuten gesprochen und die haben gesagt, sie können natürlich mehr für Linkshänder machen, wenn Bedarf – immer dieses Wort „Bedarf“ – da ist. Aber naja, trotzdem haben sie ein paar Sachen ermöglicht, die wichtig für mich waren. Ich konnte dann spiegeln. Und dann ist da noch dieses andere Programm, Dorico, das auch sehr gut ist. Also mit den beiden mache ich die Noten hauptsächlich.

Wahnsinn, dass Sie das schon so lange machen und immer noch so begeistert dabei sind!

Jeden Tag frage ich mich wieder: „Warum hast du so falschrum gelernt, du Fischkopf?!“ :) Und dabei wollte ich perfekt sein. Das habe ich soweit gebracht, dass ich die Musikhochschule absolviert habe. Aber sagen wir so: Die klassischen Konzerte habe ich damals vermieden. Ist ja klar, da muss man sich als Umgeschulter sehr gut konzentrieren und trotzdem muss man locker spielen – und wenn man sich nicht immer ganz präzise konzentriert, geht es nicht. 

Dennoch ist das an den Hochschulen noch gar nicht angekommen. Oder gibt es schon irgendeine Musikhochschule, die ein Linkshänderklavier oder einen -flügel hat?

Leider nicht. Das war mein Ziel damals vor 20 Jahren: Jedes Konservatorium soll ein Linkshänderklavier haben. Das habe ich noch nicht erreicht. Aber das kommt. Wir kriegen immer wieder Anrufe: Da tauchen die Linkshänder auf und wollen kommen, wollen was bestellen – erstmal ein Keyboard und später ein Klavier. Also das kommt!

Zeitungssauschhnitt: Mit links Klavierspielen
Patentantrag für Linkshänderklaviere Geza Loso 1992
 

Notenbeispiel für Melodieinstrument

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