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SILKE BECKER

Querflöte

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Silke Becker, left-handed flutist

© RecordMusicGroup

Silke Becker wurde 2002 in Landau in der Pfalz geboren und wird auf der Querflöte aktuell in der Studienvorbereitenden Klasse an der Stuttgarter Musikschule von Katharina Schröter unterrichtet; Klavierunterricht erhält sie ebenda von Verena Börsch. Neben etlichen Preisen beispielsweise beim Karel-Kunc-Wettbewerb und Achterkerke Musikpreis ist sie mit beiden Instrumenten mehrfach erste Bundespreisträgerin bei dem Wettbewerb Jugend Musiziert. Darüber hinaus ist sie festes Mitglied im Landesjugendorchester Rheinlandpfalz sowie dem Landesjugendbarockorchester Baden-Württemberg mit der Traversflöte. Zudem erhielt sie wertvolle Impulse durch Meisterkurse bei namhaften Professoren sowie Auftritten als Solistin mit der Philharmonie Baden-Baden und der Kammerphilharmonie Mannheim. Silke spielt seit zwei Jahren auf einer Linkshänderflöte.

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Im Interview mit Linksgespielt

29. September 2021

Wie beschreibst du deine Händigkeit?

Ganz einfach: ich bin Linkshänderin.

 

Hast du dein Instrument von Anfang an „linksrum“ gelernt?

Nein. Zumindest nicht die moderne Flöte, auf die ich mich im Weiteren beziehe. Die Traversflöte später dann schon… :-)

 

Wann hast du umgelernt und weshalb?

Als umgeschulte Linkshänderin habe ich meine Linkshändigkeit überhaupt erst vor ein paar Jahren entdeckt, wonach ich anfing, erstmal mit links zu schreiben. Ein Umlernen auf der Flöte interessierte mich damals überhaupt nicht. Ich konnte mir einfach nicht vorstellen, warum ich das machen sollte. Das änderte sich dann allerdings schlagartig, als ich 2018 bei einer Flötenausstellung im Rahmen des internationalen Wettbewerbs der Deutschen Gesellschaft für Flöte in Wetzlar zufällig eine Linksflöte sah und ausprobierte. Diesen Moment werde ich nie vergessen: Es war so unglaublich schön, die Flöte auf der für mich richtigen Seite und vor allem an meinem linken Ohr zu haben, sodass ich fast den ganzen Tag mit dieser Flöte verbrachte und sie Tage später immer noch spürte. Deshalb schaffte ich mir kurz darauf ein solches Schülerinstrument an, womit alles anfing…

Bitte erzähl uns mehr über deine Herangehensweise und den Umlernprozess.

Anfangs nahm ich die Linksflöte lediglich ab und zu in die Hand, weil es mir einfach guttat und sehr viel Spaß machte. An ein „komplettes Umstellen“ dachte ich immer noch nicht, da mich meine Erfolge und andere tolle Projekte motivierten, wie gewohnt mit meiner Rechtshänderflöte weiterzumachen. Allmählich spürte ich aber, was es für mich wirklich bedeutet, als Linkshänderin auf der für mich richtigen Seite spielen zu dürfen. Natürlich machten meine Finger noch nicht gleich alles mit, da sie auf einmal ganz neue Aufgaben übernehmen mussten, aber davon abgesehen stellte ich gleich viele Verbesserungen in Haltung, Klang und Spielgefühl bei mir fest. Plötzlich verstand ich auch, was jemand meint, wenn er davon berichtet "eins mit dem Instrument bzw. der Musik zu sein“. Auch andere bestätigten mir, dass ich mit der Linksflöte eine ganz andere Ausstrahlung und Ausdruckskraft hätte.

 

Nachdem ich dann ein Jahr lang mehr oder weniger sowohl rechts- als auch linksrum gespielt hatte, war ich an dem Punkt angekommen, an dem ich merkte, wie falsch sich das Spielen auf der Rechtsflöte für mich anfühlt, wie verspannt ich dabei bin, wie sehr es mich stresst und vor allem wie befreiend allein der Gedanke ist, nur noch linksrum zu spielen.

 

Daraufhin sagte ich alle anstehenden Projekte ab und nahm mir die Zeit, mich in Ruhe auf die Linksflöte umzustellen. Plötzlich war mir auch vollkommen egal, wie schnell ich Fortschritte machen würde, ob ich überhaupt jemals technisch so gut werden würde, wie ich es rechtsrum war, oder was andere darüber denken würden. Mir war im Sommer 2019 einfach klar, dass es nur noch diesen Weg für mich gibt, wenn ich wirklich Musik machen möchte.

 

Wie genau ich das Umlernen schließlich angegangen bin, kann ich gar nicht sagen. Natürlich fing ich erstmal mit leichteren Stücken, Etüden usw. an, aber letztendlich machte ich so schnell sprunghafte Fortschritte, sodass ich bereits nach wenigen Monaten erste Projekte mit der Linksflöte spielen konnte. An manchen Griffverbindungen knabberte ich zwar noch längere Zeit und wusste, dass ich diese rechtsrum bestimmt schneller hätte spielen können, aber auch das war dann irgendwann vorbei. Mittlerweile fühle ich mich so wohl und angekommen auf der Linksflöte, dass es mir selbst oft gar nicht mehr bewusst ist, welchen besonderen Weg ich gegangen bin und ich staune immer wieder selbst darüber, wenn es mir einfällt. 

 

Was waren für dich die größten Herausforderungen am Umlernen?

Ich glaube, letztendlich ist das Umlernen (abgesehen von der Instrumentensuche) an sich gar keine so große Herausforderung für mich gewesen. Natürlich musste ich mich umgewöhnen und bestimmte Dinge neu lernen oder mehr üben, aber ich war selbst überrascht wie schnell und einfach es war, nachdem ich die Entscheidung getroffen hatte und den ersten Schritt gegangen bin. Zudem habe ich das Umlernen ja aus bestimmten Gründen gemacht und diese „Verbesserungen“ waren von Anfang an motivierend da, auch wenn beispielsweise die Finger noch nicht laufen wollten oder ich fast schon Muskelkater bekam, da die Haltung wiederum ungewohnt – wenn auch viel natürlicher – war... 

 

Konntest du dich mit anderen Linksspielenden oder Umlernenden darüber austauschen?

Ja, tatsächlich. Ich glaube das ist eine Sache, die sehr wichtig ist und die man auch nicht unterschätzen darf. Gerade weil wir noch so wenige sind, tut es meiner Erfahrung nach sehr gut mit jemandem, der einen wirklich versteht, über seine Geschichte zu sprechen. Aber alleine schon das Lesen verschiedener Erfahrungsberichte, finde ich immer wieder sehr bestärkend.

 

Spielst du heute noch rechtsrum? In welchem Kontext?

Abgesehen vom Klavier: nein, nicht wirklich. Ich nehme so eine Flöte wahrscheinlich ungefähr genauso oft in die Hand, wie ein Rechtshänder im Normalfall eine Linksflöte. Höchstens, um etwas auszuprobieren…

  

Woher hast du dein Instrument? 

Ich bin so dankbar, dass der Flötenbauer Bernd Mehnert mir eine Linksflöte gebaut hat. Das ist nicht nur eine Sonderanfertigung, sondern auch die erste Mehnert Linksflöte überhaupt, mit der ich sehr glücklich bin.

 

Gab es negative Reaktionen oder Vorbehalte? 

Glücklicherweise darf ich diese Frage verneinen. Klar stößt man auf ganz unterschiedliche Reaktionen, aber in den meisten Fällen erlebe ich eher Interesse, Neugier und offene Menschen.

 

Welche kuriosen Erlebnisse hattest du schon mit deiner Spielweise?

Da gibt es einige Situationen. Letztendlich kann es aber immer wieder aufs Neue ganz lustig sein, wenn jemand feststellt, dass ich linksrum spiele. Das löst nämlich ganz verschiedene Reaktionen aus und oft gar nicht beim ersten Mal hinschauen...

Folgendes Ereignis ist mir besonders in Erinnerung geblieben: ich habe mal ein Video für einen Wettbewerb (mit Klavierbegleitung) eingeschickt, wonach mir einer der Organisatoren berichtete, wie lange er damit beschäftigt war, das Video zu spiegeln, weil er dachte, es wäre falschrum. Allerdings musste er dann schmerzhaft an der nun spiegelverkehrten Schrift auf dem Flügel erkennen, dass die stundenlange Mühe umsonst war...

 

Siehst du Vorteile darin, ‚andersherum‘ zu spielen?

Argumente findet man immer für alles, sobald man danach sucht. Was ich besonders toll finde, ist, dass der Kontakt zur Klavierbegleitung mit einer Linksflöte so viel einfacher ist, wenn man in der Kuhle vom Flügel steht. Auch Duette machen mir noch mehr Spaß, wenn beide Flötisten in entgegengesetzte Richtung spielen. Auf der anderen Seite ist es um ehrlich zu sein aber doch vollkommen egal. Für mich ist es richtig, linksrum zu spielen und ich hoffe, dass es irgendwann nicht mehr "andersherum" heißt, sondern vollkommen normal ist.

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