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SOPHIA KLINKE

Violine

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Sophia Klinke, Geigerin

Foto: © Alexander Englert

Sophia Klinke wurde im Oktober 1993 in Bad Homburg v. d. H. geboren und erhielt mit fünf Jahren ihren ersten Violinunterricht bei Dorothea Rohdmann an der Musikschule Bad Vilbel.

Von 2010 bis 2012 war sie Frühstudentin bei Prof. Elisabeth Kufferath am Institut zur Früh-Förderung musikalisch Hochbegabter (IFF) der Hochschule für Musik, Theater und Medien Hannover, wo sie anschließend das Studium der künstlerischen Ausbildung aufnahm und 2018 erfolgreich abschloss.

Sophia Klinke, linkshändige Geigerin

Im Interview mit Linksgespielt

13. August 2021

Wie beschreibst du deine Händigkeit? 

Die linke Seite ist die dominante Seite, während die rechte Seite eher passiv unterstützend wirkt. Da ich allerdings bis vor wenigen Jahren als sogenannte ,,verkappte Linkshänderin“ mein Leben mehr oder weniger rechtsrum lebte, wurde die rechte Seite auch stark in Anspruch genommen, während sich die dominante linke Seite eher im Hintergrund befand. Seit ich bewusst die Linkshändigkeit lebe, fühlt sich das Leben sehr viel natürlicher und ausgeglichener, einfach rundum besser an.

Hast du deine Instrumente von Anfang an „linksrum“ gelernt?

Das Geigenspiel begann ich im Alter von fünf Jahren nicht linksrum, sondern rechtsrum, und führte es auf diese Weise bis zum Ende des Musikstudiums (Bachelor of Music) fort, doch gab es immer wieder Punkte, die aufgrund der damals vertauschten Händigkeit für mich nicht zu lösen waren:

Einen satten Ton zu erzeugen, fiel mir mit der nicht-dominanten rechten Hand zeitlebens schwer.

Die Saite unter dem Bogen richtig vibrieren zu fühlen, gelang mir nicht.

Gleichwohl hatte ich eine starke Greifhand und versuchte mehr mit dieser durch Vibrato den musikalischen Ausdruck zu vermitteln.

Rückblickend fühlte sich das Geigenspiel rechtsrum nicht organisch und intuitiv an, da ich aufgrund des vertauschten Spiels ständig am Ausgleichen der Händigkeit war (rechte Bogenhand war zu schwach und  sollte dominanter, linke Greifhand war zu stark, teilweise auch verkrampft, und sollte lockerer werden).

 

Wann hast du umgelernt und weshalb?

An einem Wendepunkt meines Lebens - nicht nur bezüglich des Geigenspiels - entschloss ich mich, konsequent meine richtige Händigkeit zu leben und zwar in allen Bereichen. Dies schloss auch mein jahrelanges rechtsherum spielendes Geigenspiel ein, welches ich daraufhin begann auf linksrum umzustellen.

Ich bin sehr dankbar für diesen Entschluss, wenngleich es immer wieder Rückschläge gab und auch noch gibt – allem voran ist es wohl auch ein Bedauern um all die Jahres des ,,verkehrten“ Spiels. Trotzdem bin ich glücklich mit meiner Entscheidung – einfach weil ich fühle, dass es für mich das Richtige ist, nach dem ich so lange suchte. Ich fühle mich selbstbewusster und klarer, da ich nun über eine Körpersicherheit verfüge, die früher, als ich rechtsrum spielte, nicht in dem Sinne vorhanden war.

Das Gitarrenspiel vor zwei Jahren begann ich direkt linksrum.  Die verschiedenen Schlagtechniken bereiten mir Freude und ich fühle, dass ich mich mit der linken Hand ausdrücken möchte und kann. Mit dem Klang, der natürlicherweise von der linken Seite gestaltet wird, möchte ich mich mitteilen.

Bitte erzähl uns mehr über deine Herangehensweise und den Umlernprozess.

Seit etwa einem halben Jahr bin ich dabei, das Geigenspiel auf links umzulernen und habe etwa alle drei Wochen Geigenunterricht bei einem Lehrer, welcher der Händigkeitsthematik gegenüber sehr aufgeschlossen ist. Ein Jahr bevor ich mich definitiv zum Umlernen auf der Geige entschloss, begann ich damit bereits mental: Wann immer ich Streichermusik hörte, stellte ich mir vor, diese mit dem linken Arm zu spielen. Ich denke, dass diese ,,Vorarbeit“ den Umlernprozess erleichterte.

Was sind die größten Herausforderungen am Umlernen?

Die größten Herausforderungen bestehen für mich momentan darin, eine stabile Intonation in der Greifhand zu erlangen. Auch schnelle Stricharten gelingen mir noch nicht auf Abruf – es kommt vor, dass ich schief streiche und der Klang nicht stabil bleibt.

Woher hast du deine Instrumente?

Derzeit spiele ich auf einer Linkshänder-Violine, die ich bei der Lübecker Geigenbauerin Andrea Masurat miete. Soweit ich weiß, handelt sich dabei um eine ursprüngliche Rechtshänder-Violine, welche auf links umgebaut wurde.

Die Linkshänder-Gitarre kaufte ich damals in einem Musikgeschäft. Ich nehme an, dass es sich hierbei sogar um eine direkt linksherum gebaute Gitarre handelt, da das linkshändige Gitarrenspiel bereits sehr viel mehr verbreitet ist als bei anderen Instrumenten.

Spielst du im Orchester? Was sind deine Erfahrungen bezüglich der Seitigkeit?

Ich spiele in keinem Orchester, peile dies aber für die Zukunft an. Ein Laienorchester, mit dem ich in Kontakt stehe, ist bezüglich des linkshändigen Spiels sehr offen und neugierig.

Siehst du Vorteile darin, andersherum zu spielen?

In jedem Falle. Rückblickend ergeben so viele Dinge für mich einen ,,richtigen“ Sinn – allein das ist schon Geschenk genug, wenn sich einem Vieles endlich erschließt, finde ich... Ich verstehe nun, was wiederholt LehrerInnen während meines zwanzigjährigen rechtshändigen Spiels versuchten, mir beizubringen: Dass ich wirklich ,,in die Saite gehen“ und die Vibration des Bogens auf der Saite spüren solle (anstatt mit viel Vibrato der Greifhand dies klanglich kompensieren zu wollen).

Seit ich linksrum spiele, fällt mir das Phrasieren sehr viel leichter, da ich den Bogenarm als verlängerten musikalischen Atem empfinde. Meine musikalische Vorstellungskraft kann aufgrund der natürlich gelebten bzw. gespielten Händigkeit ,,einfach“ in ihre Ausdrucksmöglichkeiten fließen, während sie vorher umständlich innerlich umgeleitet bzw. ,,ausgeglichen“ zu versucht wurde.

Gab es bereits negative Reaktionen wegen deiner Spielweise?

Durchaus und nicht nur in der Vergangenheit. Meistens ist es eine Art Unverständnis mit darauffolgenden, leicht vorwurfsvollen Fragen wie z.B.: ,,Wieso machst Du das denn? All die vielen Jahre, in denen Du so fleißig gespielt hast... Möchtest Du das etwa alles aufgeben?“

 

Für mich hat das Umlernen nichts mit Aufgeben zu tun, im Gegenteil: Nun fange ich erst richtig an, und zwar im wahrsten Sinne des Wortes!

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