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Left-handed cello ensemble
Kann man linkshändig im Orchester spielen?
Yes! You can play left-handed in an orchestra

Linksspielende Orchestermitglieder gab und gibt es – auch in professionellen Sinfonieorchestern.

Da das alte Vorurteil, linkshändiges Orchesterspiel sei nicht möglich, vor allem die Streichergruppe betrifft, konzentrieren wir uns hier zunächst auf diese. 

Left-handed cellist
1. Vorurteil: »Linkshänder brauchen zu viel Platz.«

Falsch. Linksspielende brauchen genauso viel Platz wie Rechtsspielende. Nur evtl. auf die andere Seite. Das kann bei der Aufstellung berücksichtigt werden, sodass es auch beim Zusammenspiel von Rechts- und Linksstreichenden (sogar an einem Pult) in der Regel keine Probleme gibt. 

Für Celli gibt Walter Mengler 2010 wegen der waagerechten Bogenführung einen »um wenige Zentimeter« höheren Platzbedarf an. Bei Geigen, Bratschen und Kontrabässen trifft dieser Punkt durch die senkrechtere Streichbewegung bzw. den kurzen Bogen nicht zu. [1]

Die von uns interviewten Orchestercellisten bestätigen diese »Extrazentimeter« und erklären, dass ein Orchester im engen Raum oder Graben ohnehin zunächst schauen muss, wie alle mit dem Platz zurechtkommen – selbst wenn alle mit der gleichen Hand streichen. Da fallen eventuelle Linksstreichende also nicht ins Gewicht.

 

Ludwig Quandt, (rechtsstreichender) Solocellist der Berliner Philharmoniker, erzählt dazu in unserem Interview: »Dass man den Mitspielern mit dem Bogen in die Quere kommt, passiert ohnehin. Ich habe bestimmt dutzend Mal schon jemandem mit dem Frosch in die Schnecke reingehauen.« Auch das ist also kein Linksspiel-Phänomen.

 

-> Ob im Schulorchester, Laienorchester oder Profiorchester: Wo mit links gestrichen wird, findet sich immer eine Lösung.

Right-handed and left-handed cellist
2. Vorurteil: »Es sieht unordentlich aus, wenn nicht alle in die gleiche Richtung streichen, und es verwirrt die anderen.«

Auch das hat Walter Mengler auf den Punkt gebracht: 

»An die leicht veränderte Optik gewöhnt sich ein Zuschauer schnell, genauso wie der Genuss einer Strauss'schen Partitur nicht dadurch getrübt wird, dass die Geigen häufig sechsfach geteilt sind und mehrfach gegeneinander streichen. Auch Mahlers Adagietto aus der 5. Sinfonie verliert nichts von seiner Emotion, weil die Cellisten an jedem Pult zwei verschiedene Stimmen spielen und dadurch fast permanent gegeneinander streichen.« [1]

Aus der Praxis linksstreichender OrchestermusikerInnen, die wir zu dem Thema interviewt haben, ergibt sich ebenfalls, dass das Publikum – wenn es denn die andere Spielrichtung inmitten eines großen Orchester überhaupt wahrnimmt – eher neugierig und erfreut als ablehnend und irritiert reagiert.

Auch das Orchesterkollegium gewöhnt sich schnell daran, wie aus unseren Interviews übereinstimmend hervorgeht. Denn das gemeinsame Streichen ist mehr eine Frage der Energie als der absoluten Richtung: »Der Aufstrich fühlt sich einfach energetisch ganz anders an als der Abstrich. Auf diese Weise fühle ich mich beim Spielen mit allen Streichern im Einklang, unabhängig von links oder rechts", berichtet die rechts- und linkshändig spielende Cellistin Laila Kirchner.

Und nicht zuletzt: Dafür, dass es eine angebliche homogene Optik stören soll, dauert es meist erstaunlich lange, im Gewusel eines Orchesterfotos oder -videos eine linkshändig spielende Person überhaupt auszumachen.

Lefty cellists
3. Vorurteil: »Orchester nehmen keine Linksspielenden auf.« oder: Die Henne und das Ei

Von vielen InstrumentalpädagogInnen wird genau das als Grund angegeben, warum sie ein Kind nicht mit links streichen lassen, auch wenn sie merken, dass sich das Kind damit wohl leichter täte: Sie wollen ihm eine potenzielle Berufsmusiker-Zukunft nicht schon am Anfang verbauen. 

 

Das ist unserer Auffassung nach ein Denkfehler in mehrerer Hinsicht: 

  • Erstens ist Linksstreichen im Orchester kein Problem (siehe oben) und kommt in Profiorchestern seit langem vor (siehe unten).

  • Zweitens liegt die Tatsache, dass es bislang so wenige linksstreichende Orchestermitglieder gibt, ja nicht daran, dass entsprechende Bewerbungen von den Orchestern sofort abgelehnt würden. Vielmehr werden die Orchester derzeit noch kaum mit linksspielenden Bewerbungen konfrontiert, eben weil noch so wenige Kinder und Jugendliche ihr Instrument links herum erlernen – aus Sorge der Lehrenden, dass sie so nicht ins Orchester dürften... Wir drehen uns also im Kreis.

  • Drittens kommt hinzu, dass ein überwältigender Teil der Kinder, die mit Instrumentalunterricht beginnen, ohnehin nicht mit dem Gedanken spielen wird, daraus später einen Beruf zu machen. Von dem sehr kleinen Teil, der das doch tut, wird wiederum nur ein winziger Teil irgendwann tatsächlich mal ein Probespiel um eine Orchesterstelle anstreben; denn es gibt noch so viele andere Möglichkeiten, professionell Musik zu machen. Und von dem winzigen Teil, der tatsächlich zu einem Probespiel antritt (aus dem sehr kleinen Teil, der überhaupt beruflich musizieren möchte) bekommt wiederum nur ein kleiner Teil eine Orchesterstelle – und manchmal eben auch mit links.

Es ist daher absolut nicht sinnvoll, die Spielrichtung eines Anfängerkindes ausschließlich von vermuteten »Voraussetzungen« für eine hypothetische Orchesterstelle abhängig zu machen. Vielmehr sollte es doch darum gehen, eine solide Technik, ausdrucksstarke klangliche Möglichkeiten und eine gesunde Haltung zu entwickeln, um die Freude am Musizieren nachhaltig zu entfachen. Und das geht am besten, wenn man den Bogen mit der (ausdrucks)starken Hand führen darf.

Manche linkshändigen Menschen bemerken keine Probleme am konventionellen Rechtshänder-Instrument. Sie fühlen sich wohl damit und spielen teilweise beruflich und auf sehr hohem Niveau. Für viele andere hingegen ist es ein Handicap, den Klang nicht mit ihrer starken Hand hervorbringen und gestalten zu können. [2]

Viele Kinder kommen nicht damit zurecht, entgegen ihrer Linkshändigkeit zu spielen: Es geht nicht voran, sie fühlen sich nicht richtig wohl am Instrument, klagen über Schmerzen im Bogenarm und geben nach mehr oder weniger kurzer Zeit frustriert auf. Das kann immer auch andere Gründe haben, klar, aber so ein Bogen in der »richtigen« Hand kann schon manchmal Wunder wirken... 

Die Musizierfreude dieser linkshändigen Kinder (die oft intuitiv den Bogen immer wieder in die linke Hand nehmen wollen) einem falschen Vorurteil zu opfern, erscheint absolut unnötig. 

 

Wir sollten dazu übergehen, Kinder gemäß ihrer lateralen Veranlagung musizieren zu lassen – für mehr Spielfreude, musikalische Erfolgserlebnisse, Gesundheit und Wohlbefinden bei allen Beteiligten.

Dadurch wird es in Zukunft vermehrt linksstreichende Bewerbungen auf Orchesterstellen geben. Und wer sagt eigentlich, dass die nicht dieselben Chancen haben wie rechtsstreichende?

 

Ludwig Quandt, Solocellist der Berliner Philharmoniker, ist sich jedenfalls heute schon sicher: »Unser Orchester engagiert ausschließlich nach Qualität. Wenn ein Linkshänder kommt, spielt links und fegt alle anderen vom Platz, dann kommt der in das Orchester und es wird eine Lösung gefunden. Wir haben keine Statuten, die linkshändige Spieler ausschließen.«

Lefty cellist
Realität: Professionelle Orchester mit linker Beteiligung

Ehemalige​

  • Orchester in Münster (D): Richard Barth, Konzertmeister, 1867–1881

  • Orchester in Krefeld (D): Richard Barth, Konzertmeister, 1881–1887

  • Radion Sinfoniaorkesteri (Finnisches Radio-Sinfonieorchester): Paavo Berglund, Geiger (1. Vl), 1949–1958 [3]

  • Buffalo Philharmonic Orchestra (USA): Rivka Mandelkern, Geigerin (1. Vl), ca. 1954 – nach 1980

  • Orchester Heidelberg (D): Jürgen Kussmaul, Solobratschist, 1963–1967

  • Gürzenich-Orchester Köln (D): Jürgen Kussmaul, Solobratschist

  • Südfunk-Sinfonieorchester (heute: SWR Sinfonieorchester) (D): Karl-Georg Mentrup, Bratschist um 1970

  • Städtisches (heute: Philharmonisches) Orchester Bremerhaven (D): Dieter Görnandt, Solobratschist

  • DR SymfoniOrkestret (Dänisches Radio-Sinfonieorchester): Nils Sylvest, Cellist ab 1980

  • The City of Birmingham Symphony Orchestra (UK): Margaret Artus, Bratschistin, 1984 – vor 1998 [4]

  • NL: Bratschist um 1990?

  • Loh-Orchester Sondershausen (D): Hans-Ludwig Becker, Solocellist, 1991–1998

Aktuell

  • Bad Reichenhaller Philharmoniker (Deutschland): Franz Slaboch, Geiger (2. Vl) seit 1985

  • Opera Ballet Vlaanderen (Belgien): Hans-Ludwig Becker, 2. Solocellist seit 1998

  • Orquesta Sinfónica de Salta (Argentinien): Gerardo Solórzano, Geiger seit ca. 2002

  • Les Siècles (Frankreich): Martial Gauthier, Stimmführer der zweiten Geigen seit 2005

  • Niagara Symphony Orchestra (Kanada): Filip Stasiak, Kontrabassist

  • Orquesta Sinfónica Nacional (Mexiko): Abner Jairo Ortiz García, Cellist seit 2019

[1] Walter Mengler: Musizieren mit links. Mainz 2010.

[2] Ausführlich wird das in der einschlägigen Literatur erklärt sowie in zahlreichen Interviews und Blogbeiträgen beschrieben.

[3] laut Wikipedia

[4] Vielen Dank an Richard Bratby für die Details!

Orchestermusikerinnen
Anmerkungen
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