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Händigkeit

Hier sammeln wir weitere Statements zur Rolle der Händigkeit beim Instrumentalspiel aus der Sicht von PädagogInnen & SchülerInnen sowie von linkshändigen Profis, die ihr Instrument auf die konventionelle 'rechtshändige' Art gelernt haben. 

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1. Lehrende

InstrumentalpädagogInnen über händigkeitssensiblen Unterricht

 
Lioba Thiel, Klavierlehrerin

Lioba Thiel Klavier- und Keyboardlehrerin 

"Tatsächlich fühlen sich Linkshänder, wenn sie händigkeitsgerecht spielen können, viel wohler, haben einen schöneren Ton, mehr Ausdruck, eine bessere Rhythmik und sind viel entspannter und ausgeglichener. Fast alle steigern sich ebenfalls in der Schule mit ihren Leistungen. Bei männlichen Wesen noch gravierender als bei weiblichen. Aber leider wollen nicht alle Eltern, wenn man händigkeitsgerecht unterrichten möchte, z. B. wenn sie zu Hause ein akustisches Klavier haben, das ist sehr schade."

Karoline Renner, Flötistin

Karoline Renner Orchestermusikerin und Lehrbeauftragte am Mozarteum Salzburg 

"Meine Erfahrungen aus über zwei Jahrzehnten Flötenunterricht mit Linkshändern aller Leistungsniveaus zeigen mir, dass sie sich alle auf der Rechtshänderflöte zurechtfinden. Das ist bei meinen Überlegungen aber nicht das Ausschlaggebende. Was ich erlebe, ist, dass Linkshänder einen wesentlich höheren Aufwand betreiben müssen, um auf der Rechtshänderflöte zurechtzukommen. Sie sind zeitlebens auf der Suche nach einem ganz bestimmten Gefühl der Richtigkeit für sich selbst, ganz besonders in „Bühnenmomenten“, in denen sie sich für ein Publikum oder eine Jury durch ihr Instrument ausdrücken und „zeigen“ wollen. Es ist vielfach bewiesen, dass Linkshänder auf der konventionellen Flöte dieselbe technische Perfektion wie Rechtshänder erlangen können. Nur ist zu fragen, welchen energetischen emotionalen und zeitlichen Mehraufwand zu Lasten welcher Qualitäten – Wohlbefinden, Sicherheit, Ausdauer, Kraft, Aufmerksamkeit, Empathie, Flow – sie dafür leisten müssen." – Website

Martial Gauthier

Martial Gauthier Geigenlehrer am CRD de Créteil (Frankreich)

"Die Bogentechnik ist für uns alle so schwierig! Die Intention und Richtung der Musik, der Klang, die Persönlichkeit und die Phrasierung liegen zu 99% im Bogen. Deshalb denke ich, dass man den Bogen in die führende Hand nehmen muss. Wir alle suchen nach einer natürlichen Haltung – warum sollten wir also mit einem Handicap beginnen?" [übersetzt] – zum ganzen Interview

Geza Loso, Erfinder des Linkshänderklaviers

Géza Losó Pianist & Klavierlehrer

"Es gibt immer noch Leute, die sagen: 'Man hat zwei Hände. Das Klavier wurde für zwei Hände gemacht'. Aber die wissen nicht, dass die Händigkeit beim Klavier noch wichtiger ist als bei anderen Instrumenten. Es ist nämlich so: Mit zwei Händen hat man am Klavier drei Funktionen: Bässe, Akkorde und Melodie. Und wenn man das durcheinanderbringt, dann hat man irgendwo Defizite. Es ist nicht egal, welche Hand was spielt, weil bei einer Hand das Gehirn immer um den Bruchteil einer Sekunde schneller schaltet. Beim Linkshänder ist das die Linke, deshalb muss man die Melodie, die absolut immer das Wichtigste beim Klavierspiel ist, mit der dominanten Hand spielen. Dann ist die Gestaltung richtig, dann hat man ein gutes Gefühl und alles andere kann man dazu formen, aber nicht umgekehrt." – zum ganzen Interview

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Ludwig Quandt Solocellist der Berliner Philharmoniker

"Viele Linkshänder, die tolle Musiker hätten werden können, sind wahrscheinlich einfach unter den Tisch gefallen, denke ich, wenn sie entgegen ihrer Händigkeit spielen mussten. Es geht ja hauptsächlich um den Bogen. Das Bewusstsein, was der Bogenarm macht, die Bewegung im Raum – dorthin ist alles orientiert. Das ist eine völlig andere Herausforderung als für die Greifhand." zum ganzen Interview

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Linkshändige InstrumentalschülerInnen berichten

2. Lernende
 
Mira

„Ich spiele Geige, seit ich zwei Jahre alt bin. Meine erste Geige war eine "normale", aber ich habe sie trotzdem mit links gespielt. Ich habe oft versucht, mit dem Bogen in der rechten Hand zu spielen, aber es funktioniert einfach nicht: Sehr unbequem.“ – Mira (7) aus Schweden [übersetzt]

Mira

Linksgeigerin

Tine

"Ich habe schon linksrum Gitarre gespielt und als ich mit 35 Jahren mit der Geige angefangen habe, fühlte sich das einfach richtiger an. Da war ich in einem Alter wo ich mich nicht mehr hab belabern lassen. :) Aber es nimmt einen nicht jeder Lehrer und nicht jedes Orchester und man bekommt schwieriger Geigen für Linkshänder. Erst der dritte Lehrer hat mich angenommen! Die Begründungen der anderen waren Dinge wie: 'Zu unbekannt. Damit kennen wir uns nicht aus. Dann wäre das ja spiegelverkehrt…' Die können sich das wohl nicht vorstellen, weil sie es noch nie gesehen haben. Dabei ist das Linksspielen im Unterricht ja viel praktischer, weil man sich spiegelverkehrt gegenübersteht und dadurch genau sehen kann, was der Lehrer macht."

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„Als ich vor acht Jahren mit Geige anfing, wollte ich linksrum spielen, weil ich hundertprozentige Linkshänderin bin. Aber mein Lehrer und der Geigenbauer sagten nein. Also lernte ich rechtshändig und behielt meine Rebellion für mich. Ich fühlte mich ein bisschen schlecht dabei, weil es das erste Mal war, dass ich „gezwungen“ wurde, etwas mit rechts zu tun. Als ich klein war, sollte ich mit der rechten Hand schreiben lernen, aber ich verweigerte und blieb stolze Linkshänderin. Und nun, Jahre später, wurde ich an der Geige gewissermaßen zur Rechtshänderin! An den Bogen in der rechten Hand habe ich mich gewöhnt, aber ich frage mich immer, wie es wohl andersrum wäre…“ [übersetzt]

Anouk Benbunan

Vaïalyn, lefty violin and cello player

Vaïalyn

„Als ich klein war, gab es in meiner Familie eine alte Geige. Ich liebte es, damit zu spielen, und hielt sie intuitiv in der rechten Hand, um mit der linken zu zupfen. Ich wusste nicht, dass es eigentlich nicht so gehört. :) Als ich mit Unterricht anfing, fragten meine Eltern die Lehrerin, ob ich mit links streichen könnte. Ich war damals noch nicht an der Musikschule, sondern nahm Unterricht bei einer älteren Bratschenschülerin. Sie hatte nichts dagegen. Meine Mutter unternahm viele Nachforschungen, ob es überhaupt möglich ist und ob es mir helfen würde, mit meiner dominanten Hand zu streichen. Sie hat sich da wirklich für mich eingesetzt! Beim ersten Versuch, ans Conservatoire zu wechseln, wurde ich abgelehnt, weil sie es als Greuel betrachteten, eine Geige ‚umzudrehen‘. Außerdem hatten die Lehrenden dort Angst, mich nicht unterrichten zu können. Aber nach einer Probestunde merkten sie, wie einfach das eigentlich ist! Wie vor einem Spiegel. :) Das passierte jedes Mal, wenn ich den Lehrer wechselte: Zuerst hatten sie Angst, dann konnten sie sich aber total schnell umstellen. Ich fand es auch immer toll, in Ensembles zu spielen – vor allem in Geigenduos, weil wir uns da gegenüberstehen können. Ich habe nie bereut, mit links zu streichen: Als Linkshänderin ist es für mich mit dieser Hand einfacher, all meine Energie, meine Empfindungen und meine Lebenskraft in die Musik zu geben, während meine rechte Hand ‚nur‘ präzise ihre Technik ausführen muss.“ [übersetzt] – @vaialyn

Lorac Chu, left-handed cello student

„Es gibt in China nur ganz wenige linkshändige Menschen, weil viele wie ich in ganz jungen Jahren von der Familie umerzogen werden. Ich denke aber, dass die Gesellschaft offener wird, wenn meine Generation erwachsen ist. Daher gibt es hier bislang auch fast gar keine linksspielenden MusikerInnen. Ich habe nie ernsthaft mit rechts gestrichen, aber ich habe es einmal versucht: Es war unmöglich für mich, ein Lied zu spielen! Der einzige Grund, warum ich mit der linken Hand streiche, ist vielleicht, dass es für mich die angenehmste Art ist, gute Musik zu machen.“ [übersetzt] zum Interview

Lorac Chu

Anıl Üver

„Ich wurde 1979 in der Türkei geboren, in einem Umfeld, wo meine Linkshändigkeit nie ein Problem war. Die erste linksspielende Person, die ich gesehen habe, war der berühmte Saz-Spieler Arif Sağ. Dadurch war mir schon als Kind bewusst: Es muss Instrumente für mich geben! Leider gestaltete sich das in der Praxis schwieriger: Ich konnte mit meinen damaligen Möglichkeiten einfach kein Linkshänderinstrument finden. Erst als ich mit Mitte zwanzig nach Wien gezogen bin, kam ich an Lefty E-Gitarren. Aber auch da war die Auswahl deutlich schlechter und die Preise höher als bei den Righty-Modellen. Meine Linkshändigkeit war also nie ein Problem, aber die Einstellung, Ignoranz und Diskriminierung von Seiten der Gesellschaft.“ weiterlesen

Anıl Üver

 

„Ich begann mit vier Jahren mit dem Geigespielen und habe zunächst drei Jahre lang rechtsrum gelernt; aber die Koordination zwischen Hand und Gehirn hatte nicht so richtig funktioniert. Ich hatte manchmal Blockaden, dass es einfach nicht funktionierte, obwohl ich genau wusste, was ich ausdrücken wollte und wie das zu tun war. Es klang daher nach einer sinnvollen Option, es auf einer Linkshändergeige zu probieren, und ging auch tatsächlich relativ schnell, dass ich das, was ich mit rechts erlernt hatte, auf der Linksgeige irgendwann konnte... Der größte Vorteil dabei ist, dass es jetzt mit meiner Händigkeit übereinstimmt und ich dadurch mein volles Potenzial nutzen kann. Die Blockaden kamen seit dem Linksspielen nicht mehr zurück. Es ist jetzt auf jeden Fall so, wie es sein sollte.“ weiterlesen

Lelle Kruip

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Ich bin klare Rechtshänderin, aber ich hatte mit neun Jahren einen Unfall an der Hand und habe Geigespielen von Anfang an linksherum gelernt. Nie hat mich eine Lehrerin oder ein Lehrer abgelehnt weil ich andersherum streiche. Ich denke, dass man das, was der Lehrer oder die Lehrerin vormacht, automatisch nachmacht. 

Die Schwierigkeiten habe ich durchaus empfunden, dass ich mit der linken Hand streichen musste, obwohl ich Rechtshänderin bin! Ich habe immer wieder Schwierigkeiten mit der Bogentechnik gehabt: Kleine Bewegungen zum Beispiel, schnelle Saitenübergänge, sind für mich ein Riesenproblem. Bogentechnik wird eindeutig zum Handicap, wenn man nicht entsprechend der natürlichen Händigkeit spielt.weiterlesen

Margret Wedel

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Linkshändige Profis, die konventionell spielen

3. Rechtsspielende LinkshänderInnen 
Sabine Schmidt

Es macht so viel mehr Spaß! 
Innerhalb von circa 8 Wochen umlernen war ich technisch auf dem Stand von eineinhalb Jahren rechtsherum spielen. Alles fiel mir leichter – und das Gefühl! Es ist kaum zu beschreiben, aber jetzt konnte ich anfangen, mit dem Herz zu spielen statt nur mit dem Kopf. Ein Streichinstrument zu erlernen ist natürlich trotzdem herausfordernd und sehr viel Arbeit. Aber es strengte mich weniger an, Stücken einen Klang zu geben, sodass es viel mehr Spaß macht und ich die Musik mehr genießen kann. Ich bin leidenschaftliche Linksspielerin geworden und werde nie mehr etwas falschrum spielen.“ weiterlesen

Sabine Schmidt

 
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Maria Polonidou, Geigerin

"Tatsächlich haben mich immer nur andere darauf angesprochen ob ich nicht die Geige anders halten sollte. Ich selber habe mich nie damit beschäftigt, weil es auch nie ein Thema war im Unterricht. Im Nachhinein fand ich es toll, so fein mit der linken Hand denken und spielen zu können, die rechte Hand ist natürlich meine schwächere Hand, das heißt ich hatte oft Schwierigkeiten mit den Sehnen und Muskeln rechts. Mein Herz beim Geigen sitzt also in der Linken. Ich hab mir immer etwas mehr Power rechts gewünscht und das sehe ich auch in Verbindung mit der Linkshändigkeit. Aber im Vergleich zu Nicht-Musiker*innen ist meine rechte Hand immer noch sehr ausgeprägt und fein, von daher betrachte ich es generell nicht als Defizit. Im Allgemeinen würde ich sagen, ich hatte und habe nicht mehr oder weniger Probleme als Rechtshänder. Bei Bewegungen meines rechten Arms musste ich einfach mehr nachdenken, wie ich etwas erreiche (links war der Lernprozess kürzer).

Ich hätte mir vielleicht besonders am Anfang aber auch im Studium oft gewünscht, dass meine Lehrer technische Sachen an der Bogenhand besser beschreiben könnten oder einen extra Fokus darauf gelegt hätten (die meisten meiner Lehrer wussten nicht mal dass ich Linkshänder bin). Auf diese Weise war die Bogenhand und ist es teilweise noch immer recht geheimnisvoll. Große Probleme hatte ich nicht, aber eine leichte Benachteiligung, weil rechts doch mehr "Erklärung" für mich nötig war/ist." 

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