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Seitenwechsel im Gitarrenunterricht – Konrad Hauser begleitet seine Schüler:innen beim Umlernen

Sollen meine linkshändigen Schüler:innen ihr Instrument linkshändig erlernen? – Mit dieser Frage sehen sich Instrumentallehrkräfte häufiger konfrontiert.


Als der Frankfurter Gitarrenlehrer Konrad Hauser Anfang 2022 feststellt, dass er vier Linkshänder:innen in seiner Klasse hat, die alle entgegen ihrer Händigkeit konventionell »rechtsherum« spielen, kommt ihm ein Gedanke... – In unserem Interview erzählt er Sophia Klinke von seinen Erfahrungen aus einem Jahr mit vier ganz unterschiedlichen Umlernprozessen, die er im Unterricht begleitet (hat).


Konrad Hauser spielt im Grünen auf einer Barockgitarre

Viele meiner Schüler:innen spielen schon Gitarre, bevor sie erstmals zu mir in den Unterricht kommen. So kann es manchmal passieren, dass rechtsspielende Linkshänder:innen zu mir kommen.

Vor etwa einem Jahr haben vier meiner Gitarrenschüler:innen – von deren Linkshändigkeit ich teilweise anfangs gar nicht wusste – begonnen, von rechts auf links umzulernen. Als ich durch Zufall bei einem Schüler die Linkshändigkeit entdeckte und sich bei einem anderen, sehr jungen Schüler diese erst später zeigte, war das für mich der Anlass, mich mit Christine Vogel, die ich aus dem Studium kannte, über ihre Erfahrungen mit dem Umlernen auf links auszutauschen. Nach ausführlichem gemeinsamem Abwägen beschloss ich, mit allen vieren das Umlernen auf links in Angriff zu nehmen.


Ein Junge (Schüler A) hatte bei mir im Alter von fünf Jahren mit dem Gitarrenunterricht begonnen. Dankenswerterweise hatten die Eltern gleich zu Beginn gesagt, dass die Händigkeit noch nicht endgültig geklärt sei.

Als ich ihm die Gitarre in der ersten Stunde neutral in die Hände nehmen ließ, griff er sie mal mit der Rechten, mal mit der Linken. – Da er keine eindeutige Präferenz für eine Hand zeigte, entschieden wir uns gemeinsam mit seinen Eltern dazu, zunächst das rechtshändige Spiel zu erlernen, zumal der Erwerb eines rechtshändigen Instrumentes »einfacher« erschien.

Nach seiner späteren Einschulung fing er dann an, mit der linken Hand zu schreiben, und seine Eltern und ich fassten den Entschluss, auf linkshändiges Spielen umzusteigen.


Da ich mit dem Umlernen von rechts auf links noch keine Erfahrung hatte, wollte ich zunächst zweigleisig fahren, um ihn nicht mit dem Neubeginn zu frustrieren. Diese Idee warf ich allerdings bereits in der ersten Unterrichtsstunde wieder über Bord, weil es für ihn linkshändig sofort so gut klappte, dass ein paralleles Spiel mit rechts nur zu Verwirrung geführt hätte. Wir begannen also linkshändig wieder von vorne in seinem Buch. Er freute sich, wie schnell und natürlich das Linksspielen funktionierte – die Lieder kannte er ja schon.

Ab einem gewissen Schwierigkeitsgrad schlug die anfängliche Euphorie jedoch in Frust um, da es einen Punkt gab, ab dem er die bereits bekannten Leider nicht mehr ohne weiteres auch linkshändig bewältigen konnte. Daraufhin habe ich einfach eine andere Gitarrenschule genommen und bin beim selben Schwierigkeitsgrad eingestiegen. Nach zwei Monaten hatte er sich wieder den Tonumfang erarbeitet, mit dem er zuletzt rechtshändig gespielt hatte.



Wie lange hatte er vorher rechtsrum gespielt?


Etwa zwei Jahre. Sozusagen zwei Jahre rechtsherum = zwei Monate linksherum.

Langfristig merkt man allerdings schon, dass es Dinge gibt, die Gewöhnung und Zeit brauchen. Aber vom Tonumfang waren wir nach zwei Monaten wieder auf dem Stand, für den wir vorher zwei Jahre gebraucht hatten.



Welche Dinge brauchen Gewöhnung und Zeit?


Vor allem die neue rechte Greifhand im Bezug auf Dehnung und Treffsicherheit. Das war bei allen vier Umlernenden der Fall. Teilweise gab es da auch kleinere Probleme mit der visuellen Orientierung auf dem Griffbrett durch falsches »Spiegeln«. Das äußerte sich beispielsweise durch das Greifen am richtigen Bund, aber auf der falschen Saite. Die Erwachsenen hatten zudem manchmal Probleme mit unsauberem Greifen weit weg vom Bund, das ebenfalls durch falsches Spiegeln quasi absichtlich gemacht wurde.

Als ich ganz am Anfang mit allen zunächst einfach nur die Rechtshänderinstrumente für die allerersten linkshändigen Gehversuche umdrehte, habe ich aus Neugier und Solidarität auf die selbe Art die ersten Übungen auf links mitgemacht und so auch selbst ein bisschen spüren können, was das Umlernen für eine Aufgabe werden würde!



War es leicht, eine Linkshändergitarre für den Schüler zu bekommen?


Er spielt auf dem gleichen Modell wie früher, nur als Linkshändergitarre (La Mancha »Rubi«).



Wie hatte sich sein Gitarrenspiel anfänglich rechtsherum entwickelt und wie verhält es sich nun linksherum?


Das ist schwer zu sagen, da er als junger Anfänger zu mir kam. Sein anfängliches Spiel auf rechts fand ich nicht auffällig »falsch«, aber wir wussten von Anfang an, dass er möglicherweise Linkshänder sein könnte und hatten daher ein Auge darauf.

Der Junge war rechtsherum durchaus fit und es gab keine Probleme in dem Sinne. Die Umstellung auf links gestaltete sich ebenfalls als schnell und er gelangte links rasch auf sein früheres Niveau von damals. Eine Zeit lang hatte er interessanterweise mit beiden Greifhänden Probleme (also früher linksgreifend, jetzt rechtsgreifend), aber die haben sich beide Male wieder gelegt.

Generell ist es ja so, dass es auch unabhängig der Händigkeit Leute gibt, die schneller vorankommen und andere, die sich mehr die Finger »verknoten«. Erst diese Woche habe ich gesehen, wie er beim Wechselschlag in der linken Anschlagshand ganz schöne, kleine Bewegungen machte – wie ein Profi! Viele hingegen machen da große, ungeschickte Bewegungen.



Hatte der Junge zu Beginn rechtsspielend eine zu starke linke Greifhand?


Das ist schwer zu sagen, denn wenn Kinder frisch anfangen, haben sie in der Regel noch zu wenig Kraft in der Greifhand. Die Kraft entwickelt sich dann mit der Zeit und bei einigen eben in Richtung zu viel Kraft, weil sie anfangs gewohnt waren, so fest zu drücken wie sie konnten. Wenn man dann später trotz ausreichender Kraft immer noch so fest wie möglich drückt, kann es dann leicht irgendwann viel zu viel Kraft werden.



Wie verhielt sich der Umlernprozess bei den weiteren Schülern?


Bei einem erwachsenen Schüler (Schüler B) wusste ich zuerst gar nicht um seine Linkshändigkeit – erst, als ich zufällig sah, wie er etwas mit links schrieb. Da dachte ich gleich: »Oh, du bist ja Linkshänder. Das erklärt einiges!«



Was genau erklärte das für dich?


Beim Greifen mit der linken Hand benutzte er immer unglaublich viel Kraft, als wollte er der Gitarre den Hals brechen – er spielt auch Tennis mit links, aber das wusste ich damals ja nicht… Zudem machte er gewohnheitsmäßig ein extrem übertriebenes Vibrato. Wir hatten schon lange daran gearbeitet, aus der linken Hand den überflüssigen Druck zu nehmen, aber es hatte nie so richtig gefruchtet. Seit er linksherum spielt ist das ganz anders und auch seine Haltung ist viel besser geworden.



Wie alt war Schüler B, als er umlernte?


Er war Mitte zwanzig und schon zwei Jahre rechtsspielend als Schüler bei mir. Er spielte allerdings schon seit seiner Kindheit rechtsherum Gitarre.



Wie war seine frühere rechte Anschlagshand und wie ist diese nun linksspielend?


Die war vorher tatsächlich eher unauffällig. Wir haben zwar schon immer viel an Ton und Ausdruck gebastelt, aber ich hatte nicht das Gefühl, dass die rechte Hand sonderlich viel schwächer war. Mit links hat er nun auch eine sehr gute Anschlagshand, aber besonders froh bin ich, dass eben nicht mehr die linke Hand greift – alleine dafür hat sich die Umstellung gelohnt!

Sowohl er als auch eine E-Gitarristin, von der ich gleich berichten werde, haben das Umlernen auch als Gelegenheit genutzt, um in der Instrumentenklasse aufzusteigen: Beide haben richtig ins Portmonee gegriffen und sich ziemlich ordentliche Instrumente geleistet, was natürlich auch nochmal ein reizvoller Ansporn war und das Umlernen motivierender macht.



Bitte erzähle uns von der E-Gitarristin.


Bei ihr (Schülerin C) wusste ich zwar von Anfang an um ihre Linkshändigkeit, aber da sie in der Jugend zehn Jahre rechtsherum Geige gespielt hatte und daher über eine sehr gute linke Greifhand verfügte, entschieden wir uns, diese für die E-Gitarre nutzen zu wollen. Ihre linke Greifhand funktionierte wirklich gut und sah auch von der Haltung her super aus – es war sogar die beste Greifhand, die ich bisher bei einer E-Gitarristin gesehen hatte.



Weshalb wollte sie schließlich dennoch linksherum spielen und wie verlief ihr Umlernprozess?


Wir beide hatten schon länger gemerkt, dass ihre rechte Anschlagshand Probleme machte. Sie spielte mit dieser übervorsichtig und unsicher, traf oftmals nicht die richtigen Saiten und hatte nicht genügend Kraft beim Anschlag. Bei der Rock-Gitarre muss man manchmal auch einfach ohne Rücksicht auf Verluste in die Saiten »hauen«!

Das hatte sie nie gemacht, sich auch nicht getraut und schon gar nicht bei Versuchen in dieser Richtung damit wohlgefühlt. Eben das hat sich seit der Umstellung auf links so stark verbessert, das ist unglaublich!


Sie muss natürlich die Greifhand neu lernen, wobei ich unbedingt erwähnen muss, dass sie eine sehr, sehr fleißige Schülerin ist, die ziemlich konsequent eine Stunde täglich übt! Bezüglich der neuen Greifhand habe ich sowohl bei ihr als auch bei Schüler B zu Beginn der Umstellung stark auf Technikübungen gesetzt, um einigermaßen schnell die notwendigen Spielbewegungen »herbeizaubern« zu können. Beide spielten rechtsherum auf ansehnlichem Niveau und die anfangs fehlende Treffsicherheit und Geläufigkeit der neuen Greifhand war teilweise für beide frustrierend. Deswegen versuchte ich in dieser Phase, Technik und Stücke zu trennen und sagte ihnen: »Macht einfach konsequent Technikübungen, um die Bewegungen einzuüben, damit ihr nicht ›Alle meine Entchen‹ spielen und euch mit viel zu leichten Stücken abquälen müsst.« Vor allem bei der E-Gitarristin hat diese Methode wirklich hervorragend funktioniert.



Und sie ist linksrum nun richtig fit?


Ja! Sie betont auch immer wieder, dass die Umstellung die beste Entscheidung war!



Toll! Wie lange hatte sie vorher rechtsherum gespielt?


Etwa zwei, drei Jahre. Und eben zehn Jahre Geige in der Jugend.



Einen vierten linkshändigen Schüler gibt es noch.


Ja. Dieser erwachsene Mann (Schüler D) sagte damals schon in der Probestunde, dass er Linkshänder sei, wollte jedoch »keine Umstände« machen und bezeichnete sich zudem als »mehr oder weniger beidhändig«... – und fing schließlich erst einmal rechtsherum an.

Da er beruflich und als Familienvater zeitlich sehr eingespannt ist, spielt/übt er praktisch nur im Unterricht, sodass seine Fortschritte generell eher langsam sind. Ich konnte ihn für das Linksspielen motivieren und die Vorteile, entsprechend der Händigkeit zu spielen, leuchteten ihm ein.

Im Unterricht klappte sein Umlernen meines Erachtens gut, aber da er nicht übte, fingen wir in jeder Stunde von vorne an und es frustrierte ihn dementsprechend sehr, dass er das Bisschen, was er rechtsspielend konnte, sich links neu erarbeiten musste. Es kamen schließlich die Sommerferien und damit eine lange Unterrichts- und damit Übefreie Zeit, am Ende dieser er die geliehene Linkshändergitarre aus Frust wieder beim Musikgeschäft zurückgab, ohne das mit mir abzusprechen. Ich fand das schade, da seine Anfänge als Linksspieler durchaus vielversprechend waren. Das hätte ich gerne weiter beobachtet und als Lehrer begleitet. Er ist weiterhin mein Schüler und spielt jetzt wieder rechtsherum.



Was hast Du generell bei allen Linksspielenden während und nach der Umstellung feststellen können? Was klappt nun besser?


Bei allen ist die Anschlagshand präziser, insbesondere bei der E-Gitarristin, und die Greifhand drückt nicht mehr mit so viel Kraft (Schüler B).



Schüler B und Schülerin C kauften sich im Rahmen des Umlernens höherwertige Instrumente. Um welche Modelle handelt es sich?


Die E-Gitarristin spielt eine Reaper 6 der Firma Schecter. Die Konzertgitarre von Schüler B ist eine Hanika 56 SF. Beide Linkshänderinstrumente waren etwas teurer als ihre rechtshändigen Gegenstücke, wobei ich das eigentlich schlimmer erwartet hatte. Es war jeweils vielleicht 50 € teurer. Ich glaube, beide Firmen produzieren auch standardmäßig Linkshändergitarren.



Gibt es noch etwas, das du ergänzen möchtest?


Als Gitarrenlehrer hatte ich mit dem Thema der Rückschulung auf dem Instrument nicht viel Erfahrung. Zwar hatte ich vor Jahren mal einen linkshändigen Anfänger, mit dem ich das Gitarrenspiel linksherum angegangen war, aber ansonsten war das Thema für mich nicht präsent. Es war wie eine Fügung, dass plötzlich vier Linkshänder in meiner Gitarrenklasse waren, die jedoch alle rechtsherum spielten, sodass ich dachte: Das kann ich so doch nicht stehen lassen!


Da ich selber Rechtshänder bin und mit Umlernenden zuvor keine Erfahrung hatte, war ich vorsichtig und hatte auch etwas Bammel, was denn alles passieren könnte: Ob das überhaupt klappen würde oder ob alle nachher aus Frust komplett aufhören würden.

Ich war dann sehr, sehr positiv überrascht, wie schnell die Umstellung doch ging! Es gab bei allen aber auch eine Phase der Ernüchterung, in der sie merkten, dass das Umlernen mit viel Arbeit verbunden ist. Das war gleichzeitig aber auch spannend zu beobachten: Ob die Umstellung auf links also wirklich die richtige Entscheidung war?

Die zwei Erwachsenen, die dabei geblieben sind, werden das sicher von sich behaupten und der Junge (Schüler A) weiß wahrscheinlich gar nicht mehr, dass er früher einmal rechtsherum gespielt hat... ;)







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