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Medienberichte, Straßenmusik, Austausch, Konzert – Unser Linkshändertag 2022

Zum 13. August 2021, dem Internationalen Linkshändertag, ging linksgespielt.de online: mit zwei Interviews, zwei Fotos, einigen Links und historischen Infos. Eingeweiht wurde die Seite mit einer Straßenmusikaktion zu zweit und einem leuchtend orangen Monsterplakat.


In einem Jahr der kontinuierlichen Weiterentwicklung sind 17 Interviews mit professionell (und angehend professionell) Linksspielenden im klassischen Bereich dazugekommen. Manche schriftlich geführt, manche als Transkription stundenlanger Telefonate oder persönlicher Gespräche. Wenn man bedenkt, dass ein Großteil der Bevölkerung und weite Teile des Internets immer noch der Meinung sind, Linksspielende in der Klassik gäbe es gar nicht, ist das schon eine Leistung (und Reinhard Goebel oder Charlie Chaplin sind noch nicht einmal dabei). 😁👍

Dazu kommen unzählige weitere Interviews, Videos und Statements von 'andersherum' Musizierenden auf der ganzen Welt, Blogartikel, Übersetzungen, Infotexte und Social-Media-Konversationen... – Es ist das entstanden, was wir mit Linksgespielt erreichen wollten: Ein internationaler Austausch über 'linkes' Instrumentalspiel und eine Vernetzung von Linksspielenden, Umlernenden, Linkshändigen und Interessierten weltweit.


Den ersten Geburtstag am Linkshändertag 2022 feierten wir daher gebührend mit einem linken Musiziertreffen in Frankfurt. Wir alle hatten noch nie mit anderen Linksspielenden zusammen Musik gemacht und konnten zum allerersten Mal unsere Instrumente herumreichen, andere auf unseren Instrumenten spielen hören und rein linke Ensemble-Aufstellungen ausloten.

Wenn irgendwo etwas notiert wurde, geschah das mit links, und auch bei den gemeinsamen Mahlzeiten war es ein erstaunlich unbekanntes Gefühl, Gläser, Gabeln und Eiswaffeln stets in der gleichen Hand zu halten wie alle anderen auch.

Der Linksspiel-Stammplatz auf der Bühne – vom Publikum aus betrachtet ganz rechts – wurde zum begehrtesten Punkt im Raum. Auch das war ungewohnt. Denn weil viele konventionelle Instrumente auf dieser Position vom Publikum weggedreht sind, tummeln die sich im normalen Leben meistens lieber links, sodass einem die Rechtsaußen-Position im Alltag kaum streitig gemacht wird.


Erfreulicherweise gab es zum Linkshändertag ein reges mediales Interesse an unserem Projekt, sodass wir zu Gesprächen mit der Frankfurter Rundschau, dem MDR, der Hessenschau, HR2 Kultur, der FAZ, der Taunuszeitung, YouFM und der Oberurseler Woche geladen wurden. Paganino veröffentlichte einen Post bei Instagram und für das Onlinejournal von Stretta durften wir einen Artikel über linkshändiges Streichen im Orchester verfassen.


Das eigentliche Treffen startete am Freitag vor dem Linkshändertag. In kürzester Zeit hatten wir mit Celli, Gamben, Geigen, Violone, Flöten und Kontrabass zwei Konzertprogramme vorzubereiten:


Eines für die Straßenmusik am Samstagvormittag, bei der wir die Innenstadt mit bekannten Melodien mutmaßlich linkshändiger Komponisten beglückten (Wolfgang Amadeus Mozart, Ludwig van Beethoven, Niccolò Paganini und Carl Philipp Emanuel Bach – diese Internetmythen können wir nicht alle historisch belegen, aber es geht um die Geste). Wir spielten an belebten Orten, unterhielten uns mit umstehenden Menschen und beobachteten die Reaktionen auf unsere Spielweise.

Fazit: Tatsächlich scheint der Anblick 'andersherum' gehaltener Instrumente auch im Rudel allgemein erträglich zu sein, denn den meisten fiel es erst auf, nachdem sie das Plakat gesehen hatten.

Und mehr wollten wir auch nicht beweisen... 😉



Das zweite Programm erklang am Abend mit vorwiegend barocker Solo- und Kammermusik in der Frankfurter Andreasgemeinde. Die Frage nach dem Linkshänderanteil im Publikum lieferte ein historisch hohes Ergebnis!

Wir freuten uns über zahlreiche linkshändige Profimusiker, die ihre Instrumente konventionell erlernt haben, aber nun Wert auf einen händigkeitsgerechten Unterricht legen. Andere wurden erst durch die Berichterstattung zu unserem Projekt für das Thema sensibilisiert. Auch angehende Linkshänderberater, umgeschulte Linkshänder und Menschen, die sich ihrer Händigkeit nicht sicher sind, wurden von den Zeitungen ins Konzert gelockt – sodass sich der Veranstaltung ein stundenlanger Austausch anschloss.



 
"Ich bin noch ganz erfüllt und inspiriert von unserem Treffen! So etwas Motivierendes hätte ich mir schon vor neun Jahren gewünscht, als ich mein erstes Vorspiel auf dem Linkscello gewagt hatte und nach neuen Herausforderungen suchte. Leider kannte ich damals niemanden auf weiter Flur, der ähnliche Wege einschlug, und blieb bei der gewohnten Sicherheit des Rechtscellos. Seit dem Kontakt zu und der Kenntnis von so vielen Musikern über die Website "Linksgespielt" habe ich wieder viel Freude an der Thematik bekommen. Es war für mich eine sehr spannende Erfahrung, gemeinsam mit anderen invertiert zu spielen. Zumal es sich so normal und entspannt anfühlte und beim Betrachten von außen nichts Außergewöhnliches hatte. So sollte es doch sein und angesehen werden – ganz natürlich und selbstbestimmt!" Laila Kirchner (Violoncello)
"Unser Linkshändertag wirkt noch sehr nach und ich bin glücklich, beinahe 'beseelt', was in diesen Tagen alles geschehen durfte. Das Berührendste war für mich das Zusammenkommen mit den anderen MusikerInnen und den uns so wohlwollenden Menschen, die uns bei der Straßenmusik und im Konzert begegneten." – Sophia Klinke (Violine)
"Normalerweise steche ich immer aus der Masse heraus und werde nahezu bei jedem Projekt – mal öfter, mal weniger oft – auf meine Linksflöte angesprochen und darf erstmal erklären, warum ich sie so halte. In dieser Besetzung nicht. Es war so vertraut, einmal nur unter Linksspielenden zu musizieren, obwohl wir uns zum größten Teil noch gar nicht richtig kannten. Zudem die vielen interessierten oder beglückten Menschen, die vorbeikamen... Ein wirklich tolles, bestärkendes Erlebnis, das zeigt, dass das Linksspielen wieder ein Stückchen näher an die Normalität herangekommen ist. Danke an alle Beteiligten!" – Silke Becker (Flöte)
"Für mich war es eine wunderbare Erfahrung, mit lauter Menschen zu spielen, die ihrer Händigkeit gemäß musizieren. Es war eine Entspanntheit und Selbstverständlichkeit da, die ich so nicht kannte und auch nicht erwartet hatte, da die meisten von uns als Umlernende ja doch wohl in einer eher schwierigen Situation sind. Das Wort 'Flow' nahm plötzlich eine neue Dimension an. Wunderbar war auch die Resonanz und der Austausch mit dem Publikum. Interessante Gespräche, neue Erfahrungsberichte. Lust auf mehr davon." – Renata Soraya Schoepflin (Violoncello)
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