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»Alles ist über Rhythmik definiert« – Gitarrist Roman Hernitscheck spielt natürlich linkshändig

Im Interview mit Sophia Klinke von Linksgespielt am 25.04.2023

»Die Zupf-/Schlaghand ist die rhythmische Hand und die Wichtigkeit von Rhythmik wird meist erst im sehr fortgeschrittenen Bereich erkannt. Sie ist letztlich entscheidender, als mit der Greifhand die richtigen Töne zu spielen [...]. Ich weiß nicht, inwieweit im klassischen Bereich dieses Wissen vorhanden ist, aber insbesondere im Jazz/Rock/Pop-Bereich ist alles über Rhythmik definiert.«

Wie beschreibst du deine Händigkeit?


Ich bin stark ausgeprägter Linkshänder. Einfache Tätigkeiten mache ich aber auch mit rechts – also zum Beispiel Zähne putzen oder Haare kämmen. Die für mich wichtigen Dinge tue ich aber eindeutig mit links.


Wie kam es, dass du manche Dinge auch mit rechts machst?


Unbewusst – es gab in dem Sinne keine Umerziehung auf rechts. Meine Mutter war immer sehr hinterher, dass ich meine Linkshändigkeit lebe und als meine Oma wohl einmal, während ich malte, zu mir sagte: »Nimm doch mal den Stift in die andere Hand«, hatte sie das sofort unterbunden.


Hast du dein Instrument von Anfang an linksherum gelernt?


Ja. Auch aus dem Grund, weil meine Mutter den Lehrer gleich zu Beginn über meine Linkshändigkeit in Kenntnis setzte. Dennoch waren meine Versuche in der ersten Gitarrenstunde auf einer Links- als auch einer Rechtshändergitarre und da fiel deutlich auf, dass linksherum das Richtige für mich ist.

Klavier spielte ich während des Studiums im Nebenfach und auch da war zu bemerken, dass meine linke Hand klarerweise stärker ausgeprägt war. Lustigerweise konnte ich eine Zeit lang den Bassschlüssel sogar besser lesen als den Violinschlüssel.

Im Fach Orchesterleitung hatte ich das Dirigieren mit der rechten Hand gar nicht hinbekommen – also wirklich gar nicht – und war ein halbes Semester lang aufgeschmissen, bis mir schließlich auffiel, dass es vielleicht daran liegen könnte.

Also sprach ich die Dozentin an, ob ich als Linkshänder entsprechend linksherum dirigieren dürfe, aber sie bestand darauf, es weiter mit rechts zu versuchen. Glücklicherweise sprach sie auch mit ihrem Professor darüber und dieser sagte, ich solle unbedingt mit links dirigieren. Von da an lief es deutlich besser. Auch für mich war erstaunlich, wie stark sich die Handdominanz ausdrückt und zu welchen Einbußen es kommt, wenn sie nicht entsprechend gelebt wird: Die ganz einfache Variante, den Takt zu halten und ein paar musikalische Dinge mit der anderen Hand zu zeigen, war rechts herum nicht möglich für mich. Beim Gitarrenspiel ist meine linke die rhythmische Hand und zum Glück durfte sie es beim Dirigieren schlussendlich auch sein.

In der Prüfungssituationen, bei der ein wirklich großes Orchester vor mir saß, erwähnte ich zu Beginn kurz, dass ich mit links dirigiere. Da sagte niemand etwas zu – es war aber auch nur ein lediglich für die Prüfung benötigtes zusammengewürfeltes Studentenorchester, das nicht großartig auf sich eingespielt war. Die Musiker waren wahrscheinlich auch froh, als die Prüfungen durch waren und sie nach Hause gehen konnten. ;)


Super, dass du letztendlich entsprechend deiner Händigkeit dirigiertest!


Ja! War trotzdem nie mein Lieblingsfach… ;)


Woher hast du deine linken Instrumente?


Ich habe zuerst klassische Konzertgitarre gelernt und spielte als Kind auf für Linkshänder umgespannten Instrumenten. Die sind ziemlich symmetrisch und wenn man den Steg umlegt, über dem die Saiten gespannt sind, stellt diese Variante keinen großen Umbau-Aufwand dar. Meine jetzigen Konzertgitarren sind auch ursprüngliche Rechtshänderinstrumente, die auf ebensolche Weise zu Linkshänderinstrumenten angepasst wurden.

Mittlerweile spiele ich allerdings hauptsächlich E-Gitarre: Dort sind die Regler auf der unteren Seite des Instruments unter den Saiten angebracht und der Cutaway für die Greifhand, um in höhere Lagen zu kommen, meist nur auf der einen Unterseite. In größeren Läden findet man mitunter zwei, drei Linkshänder-E-Gitarren im tiefen Preissegment, aber für ein hochwertiges Instrument muss ich ein rechtshändiges Modell ausprobieren und, so es mir zusagt, dieses baugleich auf links bestellen. So sieht ein Gitarrenkauf als Linkshänder im Geschäft aus.

Ich habe aber auch gebrauchte Linkshänderinstrumente und erst kürzlich eine E-Gitarre bei Kleinanzeigen entdeckt, sie ausprobiert und gekauft.

Als professioneller Linksgitarrist ist es natürlich wesentlich schwerer, Instrumente zu finden, wobei ich davon ausgehe, dass es im Gitarrenbereich noch bei weitem einfacher ist als bei anderen Instrumentengruppen, wo sich das Linksspielen noch nicht so weit etabliert hat. Als Linksspieler bin ich gar kein so großer Exot unter den Gitarristen. Es ist bei uns durchaus üblich, als Linkshänder entsprechend linksherum zu lernen.


Roman Hernitscheck, Foto: Claudia Neßler

Wie fällt dein Ausprobieren von Rechtshänderinstrumenten aus?


Ich spiele sie linksherum. Meine Mutter hatte daheim immer eine Rechtshändergitarre stehen, die ich ab und zu linksherum nahm und daher kriege ich auch ein paar Akkorde auf einer Rechtshändergitarre linksspielend hin. Das auf E-Gitarren zu machen – also quasi mit der Innenseite nach oben – ist zwar nicht optimal, aber ausreichend, um das Instrument zu checken. Trotzdem kaufst du die Katze im Sack: Wenn man ein Linkshänderinstrument anfertigen lässt, nimmt man, was kommt. Auch wenn ich ein ausgewähltes Rechtshänderinstrument baugleich auf links anfertigen lasse, besteht ein jedes Instrument aus Holz – und Holz lebt! Man weiß letztendlich nie, wie der Klang wirklich ausfallen wird.


Welche Erfahrungen hast du linksspielend in Bands und Kammermusikformationen gemacht?


Dass ich links spiele, wurde nie als irgendwie spektakulär angesehen noch wurde es in irgendeiner Weise bemängelt. Ich musste lediglich aufpassen, dass sich der Hals nicht mit dem eines rechtsspielenden Kollegen stößt, was bisher aber nie vorkam. Während des Studiums spielte ich in einem Gitarrenquartett und auch dort war mein Linkssielen kein Thema – ich saß immer an einem Ende des Halbkreises. Es war schön – sowohl im musikalischen als auch im visuellen Sinne –, als Linksgitarrist den anderen auf diese Art zuzuspielen. Neben dem Gitarrenquartett spielte ich auch viel mit Sängerinnen und Sängern sowie im Duo Flöte/Gitarre und Geige/Gitarre. Es gab bisher niemanden, der zu meinem Linksspielen sagte: »Ach, das ist ja blöd!«


Welche kuriosen Erlebnisse hattest du schon mit deiner Spielweise?


Eigentlich nur bei Schülern und Schülerinnen: Obwohl ich in jeder ersten Stunde zu neuen Schülern sage, dass ich als Linkshänder die Gitarre linksherum spiele, wird dies oft erstmal nicht wahrgenommen. Die Kleinen behalten sich das nicht länger als eine Woche, und da sie mich jede Woche nur einmal sehen, kommt bei dem ein oder anderen nach zwei, drei Jahren plötzlich der Ausruf: »Du spielst ja andersrum als ich!«

Es kommt tatsächlich nicht so selten vor, dass nach Jahren plötzlich bemerkt wird, dass ich linksherum spiele. Für meine Schüler stellt dies kein Problem dar – sie schauen sich alles spiegelbildlich von mir ab.


Gab es jemals von irgendeiner Seite Vorbehalte bezüglich deiner Spielweise?


Nein.


Siehst du für dich Vorteile, andersherum zu spielen?


Auf jeden Fall! Wobei ich letztendlich nicht weiß, wie es andersherum bei mir ausgefallen wäre, weil ich es nur linksherum kenne. Zwar habe ich in all den Jahren auch mal ein Rechtshänderinstrument kurz rechtsherum genommen und geguckt, wie sich das anfühlt. Um Instrumente aber richtig zu testen, z. B. wenn ich auf Instrumentensuche bin, spiele ich sie links.


Wie empfindest du die Aufgabenverteilung der Hände beim Gitarrenspiel?


Die Zupf-/Schlaghand ist die rhythmische Hand und die Wichtigkeit von Rhythmik wird meist erst im sehr fortgeschrittenen Bereich erkannt. Sie ist letztlich entscheidender, als mit der Greifhand die richtigen Töne zu spielen – wobei richtige Töne natürlich keineswegs unwichtig sind!

Ich weiß nicht, inwieweit im klassischen Bereich dieses Wissen vorhanden ist, aber insbesondere im Jazz/Rock/Pop-Bereich ist alles über Rhythmik definiert. Du kannst mal einen falschen Ton spielen, aber rhythmisch rauskommen, wirklich rausfallen passiert im Profibereich nicht bzw. sollte nicht passieren. Ab einem gewissen Niveau übt man an der exakten Rhythmik noch mehr, denn die Greifhand funktioniert irgendwann, wobei auch sie für die Rhythmik mit zuständig ist: Anfänger und Fortgeschrittene greifen einen Ton/Griff und danach kommt die Zupfhand – sie kommen nicht synchron drauf. Ab einer gewissen Geschwindigkeit aber und für das Erreichen eines qualitativ hochwertigen Klangs ist wichtig, dass gleichzeitig von der Greifhand ein bestimmter rhythmischer Impuls gesetzt wird. Das soll die Wichtigkeit der dominanten Hand als rhythmische Zupf-/Schlaghand nicht relativieren, denn die eigentliche rhythmische Arbeit obliegt noch immer ihr.


Gibt es unter deinen Schülern auch Linkshänder? Spielen sie links- oder rechtsherum?


Beides gibt es: Ich hatte schon einige linkshändige Schüler, die direkt linksherum gestartet haben. Aber auch eine erwachsene Linkshänderin ist in meiner Klasse, die früher rechtsherum Geige lernte und ihre bereits ausgebildete linke Greifhand fürs Gitarrenspiel nutzen wollte – sie spielt demnach rechtsherum.

Bei einem Schüler war es richtig krass: Bei seinem vorherigen ersten Lehrer musste er mit rechts spielen! Als dieser Schüler in der sechsten oder siebten Klasse war, wechselte er zu mir und irgendwie ging es nicht vorwärts, ja es ging sogar gar nichts mehr – da war einfach Schicht. Die ganze Motivation geht ja verloren, wenn man nicht weiterkommt – trotz Übens! Das Elternhaus stand sehr hinter ihm und seinem Gitarrenspiel, sodass eine gute Grundlage für erfolgreichen Unterricht gegeben war. Zu dem Zeitpunkt wusste ich überhaupt nicht von seiner Linkshändigkeit und dachte, er hätte ganz einfach seinen Zenit erreicht. Im Gespräch mit der Mutter kam schließlich heraus, dass er Linkshänder ist und zu Beginn seines Gitarrenspiels bei dem anderen Lehrer mit rechts starten musste. Da dachte ich mir: »Okay, wir probieren, auf links umzusteigen...«

Er ist dann linksspielend richtig weit gekommen, das Umsatteln hat sich wirklich gelohnt! Mittlerweile hat er Abitur gemacht und möchte weiterhin bei mir Unterricht nehmen.


Wie gestaltete sich das Umlernen bei diesem Schüler und wie erging es dir als Lehrer und Begleiter?


Wir mussten natürlich einige Schritte zurückgehen und er musste Dinge, die er bereits rechtsherum konnte nochmals neu lernen. Aber wenn ich mich recht entsinne, kamen wir relativ schnell an sein altes Niveau und darüber hinaus. Allen war sehr schnell klar, dass es die richtige Entscheidung war.


Gibt es noch irgendwas, das du ergänzen möchtest?


Als ich mir eure Seite anschaute, wurde mir bewusst, dass das Linksspielen bei Gitarristen im Vergleich zu anderen Instrumenten gar kein solches Exotentum darstellt. Die meisten Lehrer sind darauf sensibilisiert. Man muss auch nicht mit eingefahrenen Traditionen brechen, wie es wahrscheinlich in Orchestern der Fall ist, wo sich das Vorurteil derzeit noch mehr oder weniger hält, alle hätten in eine Richtung zu streichen. Hoffentlich wird dies mehr und mehr aufgebrochen, auch durch erfolgreiche Gegenbeispiele.



 

Roman Hernitscheck ist als Gitarrist und Sänger mit verschiedensten Formationen im gesamten süddeutschen Raum und darüber hinaus unterwegs. Regelmäßig zu hören ist mit Christoph Engelsberger und Band, dem Acoustic-Duo KL:AK sowie mit seinem eigenen Bluesrock-Trio Early Roman Kings. Neben seiner Konzerttätigkeit ist er als Gitarrenlehrer tätig.

Geboren 1988 in Stuttgart, erhielt er bereits in seiner Kindheit sowohl Konzert- als auch E-Gitarren-Unterricht. Schon im jugendlichen Alter spielte er in diversen Blues-, Rock- und Jazz-Gruppierungen. Er studierte Lehramt in den Fächern Musik und Germanistik an der HfM Karlsruhe und am KIT. Parallel dazu absolvierte er den Bachelor- und Masterstudiengang in Konzertgitarre bei Prof. Boris Bagger, ebenfalls an der HfM.





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