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Artikel: Linkshändigkeit bei Holzblasinstrumenten


Zwei Frauen spielen Klarinette – eine mit der rechten Hand unten und der linken oben, eine mit der linken Hand unten und der rechten oben
Marion Schulte (re) und ihre Tochter mit links- bzw. rechtshändiger Klarinette. Foto: Thomas Osterfeld / Kirchenbote Osnabrück




rohrblatt to go – Tipps und Tricks für Bläser

LINKSHÄNDIGKEIT BEI HOLZBLASINSTRUMENTEN



von Allan Ware und Marion Schulte


Zuerst erschienen in: Rohrblatt – Die Zeitschrift für Oboe, Klarinette, Fagott und Saxophon, 26 (2011), Heft 4, S. 194 f.



Brauchen wir Blasinstrumente für Linkshänder? lst doch bei Holzblasinstrumenten egal... oder? Das war nicht nur mein erster Gedanke, sondern die Meinung von vielen Kollegen und Instrumentenbauern, die ich gefragt habe. Es ist eine weit verbreitete Meinung, dass beim Blasinstrumentalspiel beide Hände gleich wichtige Aufgaben erfüllen und Fingerfertigkeit von beiden Händen gefordert ist und die Instrumente daher händigkeitsneutral sind.


Inzwischen bin ich der Meinung, dass meine erste Annahme falsch war. lch habe mich, angeregt durch Personen und Literatur zum Thema Linkshändigkeit und Musik, näher mit dem Thema beschäftigt. Es geht um die Frage, ob nicht bei einer so komplexen Tätigkeit wie dem Musizieren die Händigkeit auch eine Rolle spielt. Bei Streichern und Gitarristen fällt auf: Alle Streicher legen das Greifen der Töne in die für sie schwächere Hand – warum? Eigentlich vermutet man, dass die Hand mit der besseren Fingerfertigkeit am Fingerbrett liegen würde. Aber nein, der Druck und der Ausdruck(!) sowie die Kontrolle der Tongebung insgesamt liegen bei der stärkeren Hand und nicht bei der Hand, die auf dem ersten Blick die anscheinend schwerere Aufgabe hat. Die rechtshändigen Streicher halten den Bogen in der rechten Hand und greifen die Töne links; rechtshändige Gitarristen zupfen mit der rechten Hand und greifen die Töne/Akkorde links. Denn die schwächere Hand macht die einfachere Arbeit und bestimmt dadurch, welche Töne kommen, aber wie diese Töne klingen, die Tongebung, Lautstärke, Intensität, Gestaltung liegen in der stärkeren, geschickteren Hand. Deswegen liegt der Bogen bzw. das Zupfen in der dominanten Hand. Prominente Beispiele für linksspielende Gitarristen sind Jimi Hendrix und Paul McCartney. Niccolò Paganini war vermutlich auch Linkshänder.


Im Vergleich mit Streichinstrumenten verhält es sich bei Holzbläsern anders. Der Ansatz und die Blastechnik sind das Wichtigste für Bläser und nicht unmittelbar mit einer Hand verbunden. Bei Holzbläsern müssen beide Hände gleichermaßen Fingerfertigkeit vorweisen, zum Teil muss die oben liegende Hand noch schwierigere Bewegungen beherrschen, zumindest bei der Klarinette. Die unten liegende Hand hat die zusätzliche Aufgabe nicht nur das Gewicht der Klarinette zu halten, sondern auch die Regelung des Druckes auf den Ansatz und den richtigen Winkel zum Körper zu übernehmen, alles in gelassener, stiller Weise, damit das Instrument stabil gehalten wird. Diese Aufgabe erfordert sehr viel Feinfühligkeit.


Die untere Hand hat bei uns Bläsern die vielfältigere und wichtigere Rolle, die Oberhand sozusagen! Man könnte denken, dass die schwächere Hand unten liegen sollte, um wie ein Untertan das Gewicht zu halten, aber in der Tat schafft die stärkere, dominante Hand diese Aufgabe besser, weil sie diese komplexe Tätigkeit besser ausführen kann.


Die Handhaltung ist bei Blasinstrumenten nicht unwichtig. So schreibt Walter Mengler, Autor des Buches »Musizieren mit links« in diesem Zusammenhang:

»Die Qualität des Spielens – Tonschönheit, rhythmische Sicherheit, Ausdrucksfähigkeit – wird ganz wesentlich bestimmt vom Körpergefühl. Das wiederum wird erheblich beeinflusst vom Umgang mit der Händigkeit.« (Walter Mengler, Musizieren mit links, Verlag Schott, S. 89.)

Im Handel erhältliche Blasinstrumente sind für Rechtshänder ausgerichtet. Die dominante rechte Hand liegt außen. Ein Linkshänder kann daher in seinem Spielgefühl beeinträchtigt werden, wenn er die Klarinette mit der nichtdominanten Hand halten muss, da er schon beim Halten des Instrumentes mehr Kraft aufwenden muss.

»Linkshändige Bläser berichten, dass sich ihr Spielgefühl (und der Klang) abhängig von der Haltung des Instrumentes verändert. Die Analyse der Greif- und Haltefunktion zeigt eindeutig, dass das System für Rechtshänder ausgelegt ist: die dominante Hand greift weiter unten, das bedeutet für die Blasinstrumente ‚weiter außen‘. Die Hand, die weiter vom Körper arbeitet, braucht schon beim Halten etwas mehr Kraft. Die stärkere Hand stellt genau die Balance her, die sich beim Spielgefühl anschließend positiv bemerkbar macht.« (ebenda)

Eine gute Stütze, eine gelassene Luftgebung und ein flexibler Ansatz hängen wesentlich von einem guten Körpergefühl ab. Wenn man mit der nicht dominanten Hand diese Aufgabe übernimmt, kann es zu Verspannungen kommen, die wiederum Einfluss haben auf die Atmung, den Ansatz und das Wohlbefinden des Spielers. Für mich ist es auch interessant, dass in Sportarten mit Schlägern, z. B. Golf, Baseball, Hockey, Cricket oder Lacrosse, Spieler den Schläger oder »Stick« immer mit der dominanten Hand, also weiter vom Körper weg, halten.

lch berichte hier nun von einem Fall, der mich nach jahrzehntelanger Lehrtätigkeit als Klarinettenlehrer sehr beeindruckt hat. Eine erwachsene, linkshändige Anfängerin konnte über Monate den Ton, sogar das offene g' nicht voll und offen spielen. Der Klang war immer etwas bedrückt und heiser. Sie hatte öfters Probleme beim Notenlesen, während des Unterrichtes kam es zu einer Art Blackout. Das gleichzeitige Notenlesen, Greifen und die Tongebung überforderten sie, so dass sie völlig blockiert war. Sie entschied sich, auf einer geliehenen Linkshänder-Klarinette zu spielen, d. h. die Klappen sind seitenverkehrt angebracht, die rechte Hand liegt oben und die linke Hand liegt außen und hält das Instrument. lch war sehr skeptisch, ob dadurch ihre Probleme beim Klarinettespielen gelöst werden könnten. Das Ergebnis hat mich überrascht: Sofort (buchstäblich sofort!) konnte sie nicht nur besser spielen und einwandfrei Noten lesen, sondern hatte auch keine Blackouts mehr.


Dieser Fall zeigt mir, dass es wichtig ist, linkshändigen Schülern die Möglichkeit zu geben, ein für ihre Händigkeit geeignetes Instrument auszuprobieren, um ihre Möglichkeiten am Instrument auszuschöpfen. Die Beurteilung, ob jemand für ein Instrument geeignet ist oder musikalisch ist, kann nur stattfinden, wenn der Schüler sich grundlegend wohl fühlt und ein gutes Körpergefühl beim Spielen entwickeln kann. Dies geht nur mit dem richtigen Werkzeug.


Emotionen spielen beim Lernen eine entscheidende Rolle. Ob das Spielen eines Instrumentes eine persönliche, künstlerische Befreiung ist oder ob es eine Reihe von Qualen in Form von unerfüllten Wünschen und unüberwindbaren Hürden darstellt, ist von größter Bedeutung. Oft sind Linkshänder hier benachteiligt, da die meisten Instrumente für Rechtshänder konstruiert sind. Sie erzielen oft nicht die gleichen Ergebnisse wie Rechtshänder, was dazu führen kann, dass sich dies auf ihr Selbstwertgefühl auswirkt. Da sie langsamer Fortschritte machen oder einfach kein stimmiges Spielgefühl entwickeln können, entwickeln sie negative Gefühle.


Der Anteil der Linkshänder an der Gesamtbevölkerung lässt sich nicht genau ermitteln, da es auch heute noch viele umerzogene Linkshänder gibt. Nach heutigem Stand der Forschung kann eine Zahl von 30 % bis 50 % realistisch sein.



Fazit:

Die Aufgabe der Hände an Holzblasinstrumenten ist nicht ganz identisch. Die außen greifende Hand muss das Instrument halten und die dominante Hand stellt die Balance her, die sich dann positiv auf das Spielgefühl und das Wohlbefinden des Spielers auswirkt. Linkshänder sind benachteiligt durch eine Tradition, die Musikinstrumente und Spielerfahrungen auf Rechtshänder ausrichtetet. Das Spielen auf Rechtshänderinstrumenten kann bei dieser Personengruppe zu Verspannungen, motorischen und emotionalen Blockaden führen.


Für Musiklehrer ist es wichtig, dies zu beachten, wenn linkshändige Schüler im Instrumentalunterricht keine guten Fortschritte machen. Eine mögliche Erklärung könnte sein, dass sie einfach ein auf ihre dominante Hand ausgerichtetes Instrument spielen sollten. Dann erst können sie am Instrument richtig loslegen!




Eine Reihe von Herstellern können Blasinstrumente für Linkshänder liefern. (Kein Anspruch auf Vollständigkeit, ich bin dankbar zu erfahren, wer sonst linkshändige Instrumente herstellt!)


Originalartikel mit Herstellerliste und Literaturangaben:

Ware/Schulte: Linkshändkeit bei Holzblasinstrumenten, Rohrblatt 2011
.pdf
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