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Es gab nur den »Beatle-Bass«: Als linkshändiger Musiker in den 70ern

Manuel Garde, Jahrgang 1955, Linkshänder


Wie Viele meines Jahrgangs war ich von klein auf vom Zauber der Musik infiziert. Schon als kleiner Junge durfte ich eines Abends zusehen, als an unserem Haus, dem zentralen Ort des voll belegten Camping Platzes, eine Musikkapelle aufspielte, dort, wo wir lebten. Das machte die ohnehin magische Atmosphäre all der fröhlichen Gäste aus aller Herren Länder mittels Live-Musik zu etwas Unvergesslichem.


Und dann erklang im Radio etwas Unerhörtes, nie Dagewesenes. Nicht wie üblich Heintje, Freddy oder der River Quai Marsch, sondern Jimi Hendrix und Cream und mit ihnen der Blues, der von Beginn an ›meine‹ Musik war.



Manuel Garde mit Sonnenbrille spielt linkshändig
Manuel Garde (Foto: privat)

Zwangsläufig landete ich als 16-Jähriger irgendwann in einem kleinen Musikgeschäft in der provinziellen Kleinstadt. Der Verkäufer zog bei meiner Frage nach einem E-Bass für Linkshänder nur die Augenbrauen hoch und verwies mich auf den »Beatle-Bass«. Den könne man bestellen, aber das dauere womöglich ein halbes Jahr und koste extra. Ich sah mich schon mit verpufftem Traum im Gehen, da besann sich der Verkäufer auf eine Bohrmaschine, die er im Keller habe.

Und so half er mir, indem er die Bohrungen am Saitenhalters meines neuen Basses anpasste und ich das erste Mal die Sattelkerben ausfeilen konnte, um die Saiten für mich »richtig herum« aufzuziehen.

Ich kam also mit den klaren Vorgaben in den Laden, Linkshänder zu sein und wie die Saiten geführt sein sollten. Zu Glück waren die alten Saiten lang genug für diese Prozedur, denn ich hätte mir zum Preis von 80,- Mark für den Höfner-Bass keine zusätzlichen neuen leisten können.


Bis zum Jahr 1983 baute ich diverse, auch hochpreisige, Instrumente auf links um. Das war mir so selbstverständlich, wie solche auszusuchen, die sich halbwegs links spielen ließen. So waren mir die ergonomisch besonders gelungenen Instrumente Leo Fenders nie eine Option, denn man sah nie Linkshänder-Modelle von denen.


Kurz bevor eine Menge linkshändige Instrumente aus Fernost auf unserem Markt auftauchten, baute ich mir in den frühen 90ern selbst verschiedene Bässe und E-Gitarren auf der Basis vorhandener rechtshändiger Hälse. Als Höhepunkt einen E-Kontrabass, der nur gelang, weil mir ein befreundeter Kunst-Tischler half, das Ebenholz Griffbrett meisterhaft abzurichten, was ich so nie geschafft hätte.


Als Musiker Linkshänder zu sein, bedeutete immer schon viel mehr, als nur das Problem mit den Instrumenten zu haben. Am anschaulichsten ist dieses Bild von Charlie Chaplin mit der Geige unter hundert weiteren Geigern, er als einziger Linkshänder. Als Schüler schwang nur ich beim Skifahren nach rechts ab. Ein Problem, wenn sich die Schulklasse untereinander anordnen will und alle anderen nach links abschwingen. Ich steige von der ›falschen‹ Seite aufs Fahrrad, dort, wo der Fahrradständer nicht ist. Auf der Bühne musste ich mir grundsätzlich meine Position dort erkämpfen, von wo aus ich mich nach rechts ausrichten konnte, da es sich sonst unwohl anfühlte.

Ausstellungen sind sehr oft so angelegt, dass sich der Pulikumsstrom gegen den Uhrzeiger bewegen soll. Und da sieht man mich gerne im Gegenstrom, im Uhrzeigersinn gehen. Ich bevorzuge Supermärkte, deren Wege im Uhrzeigersinn verlaufen.


Heute sehe ich überall linkshändige Musiker, denke an die vielen Talente, die früher vielleicht niemals ermutigt waren, trotz ihres ›Handicaps‹ zu spielen. Besonders freut mich der Gedanke, dass sogar in der Klassik Wege für Linkshänder gefunden werden, sich in Orchesterstrukturen einzufügen. Ich denke auch an all die spontanen Sessions, auf denen ich nicht mitspielen konnte, weil es kein Linkshänder-Instrument gab. Und ich denke an meinen klassischen, wiederkehrenden Musikertraum, in dem die Bühne im Stadion vorbereitet ist, die Verstärker sind eingeschaltet, das unübersehbare Publikum blickt mich erwartungsvoll an und dann – die Tasche meines Instruments ist leer. Keiner der Kollegen ringsum kann mir aushelfen, die Band spielt ohne mich... Dies habe ich zwar nur einmal erlebt, aber es wurde trotzdem zu jener Art Traum, den wohl jeder Musiker hin und wieder träumt, jedenfalls jeder, den ich danach fragte – nur nicht in dieser Linkshänder-Version.




 

1955 geboren in Worpswede bei Bremen, von 1961 an in Salzburg aufgewachsen. Dort ausgebildet zum Werbefotografen, Seit 1971 autodidaktischer Musiker. Freier Maler und Musiker in Bremen, seit 1974 in Berlin, 1992 Wechsel mit Frau und zwei Kindern nach Worpswede.

Als Tourneemusiker großteils in Deutschland, Holland, der Schweiz und Österreich unterwegs. U. a. Begleiter von Michael Ballew, Texas Troubadour, Johnny Bush und »Grand Ole Opry«-Legende Norma Jean. Zahllose Ausstellungen mit fotorealistischer Malerei. Seit 2009 in Bregenz am Bodensee lebend. Schwerpunkt hier die Straßenfotografie mit jährlicher Zusammenfassung in Fotobänden.

Seit der Pensionierung 2020 Veröffentlichung der Gedichtbände »Südwester«, »100 Tage Gedichte« und »Liebe und andere handverlesene Gedichte«.





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