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Linke Spuren in der Geschichte

Streich- und Zupfinstrumente

Schon vor Tausenden von Jahren scheinen Saiteninstrumente überwiegend mit der rechten Hand zum Klingen gebracht worden sein. Das legen zumindest Abbildungen mit flachen Leiern von 3200 bis 30 v. Chr. nahe, auf denen ca. 11 % mit links traktiert werden, die große Mehrheit aber mit rechts.

 

Auch die Fidelfiguren in mittelalterlichen Prachthandschriften, oft aus wenigen Strichen zusammengesetzt, haben meistens ein Detail gemeinsam: Den Bogen in der rechten Hand. Diese Ausnahmen bestätigen nur die Regel.

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Bilder sind natürlich nur bedingt aussagekräftig,

aber seit im 16. Jahrhundert die ersten Lehrwerke für Streichinstrumente gedruckt wurden, haben wir es schwarz auf weiß: "Nimm den Geigenhals in die linke und den Bogen in die rechte Hand", empfiehlt Hans Gerle 1532. Und Martin Agricola reimt 1545: "Den Bogen in der Rechten halt. Gib den Zügen [= Strichen] diese Gestalt: Nämlich, wie schnell du einen Zug tust, so rasch du oben greifen musst; mit den Fingern der linken Hand, auf dem Kragen [= Hals] – wie oben genannt."

Merkwürdigerweise erweckt das Traktat von Andreas Hirsch 1662 einen entgegengesetzten Eindruck. Über die Streichinstrumente heißt es hier: "wird gerührt mit einem Bogen von Pferdshaaren in der linken Hand haltend, mit der rechten die Saiten unmittelbar drückend". Weil die restliche Quellenlage dem widerspricht, werden wir das als Verwechslung abtun. 

Doch es gibt mehr:

Im 17. Jahrhundert erwähnt der Gelehrte Marin Mersenne zwei Personen in Frankreich, die die Laute mit links spielen. Das zeigt, dass es offensichtlich eine Seltenheit war, aber nicht verurteilt wurde (zumindest nicht von Mersenne). 

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Source gallica.bnf.fr / BnF

Die 'linke' Laute in Mersennes Harmonie Universelle ist ein Fehler des Kupferstechers. Das nimmt der Autor im Nachhinein zum Anlass, um auf seine beiden linksspielenden Landsleute hinzuweisen und das Bild als Darstellung ihrer Lauten umzudeuten. 

Einer Sage nach soll in Gundelfingen an der Donau im frühen 17. Jahrhundert ein Geiger gelebt haben, der den Bogen mit der linken Hand führte und dadurch weithin bekannt wurde. Ulrich, genannt Utz, soll mit einer verwachsenen linken Hand geboren sein, mit der er beim Geigen nicht greifen, wohl aber streichen konnte. Weil er durch sein mitreißendes Geigenspiel mehr Aufträge bekam, als er wahrnehmen konnte, rekrutierte er einige junge Leute als Gehilfen. Und sie alle mussten mit links streichen…

Der Wahrheitsgehalt dieser Sage lässt sich schwer beurteilen und vermutlich sagt die Geschichte in Bezug auf das Linksspielen mehr über die Zeit ihrer Formulierung als über die Zeit der beschriebenen Handlung aus.  „Die Linken“ oder „Linksgeiger“ sind im 19. Jahrhundert tatsächlich nachgewiesene Bezeichnungen für die Gundelfinger. Doch den Begriff „Linksgeiger“ finden wir auch in anderen Gegenden – für Geiger, die nicht nach Noten spielen (können).

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Relief in Gundelfingen, gestiftet zur 1250-Jahr-Feier, 2000

Foto: Reinhardhauke, CC BY-SA 3.0

Und wie sieht es mit gesicherten historischen Persönlichkeiten aus?

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