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»Der musikalische Plan liegt im Bogen« – Geigenlehrer Benno Huber über Händigkeit beim Violinspiel

Der Geigenbogen kann mit der dominanten Hand viel besser geführt werden und das ist eminent wichtig. Gewicht geben und wieder nehmen, Bogenwechsel ausführen, Melodien führen und fühlen… Die ganze Fühl-Welt geht unter, wenn sich die dominante Hand nicht ausdrücken darf, denn der musikalische »Plan« liegt im Bogen.

Wodurch wurdest du für das Thema Linkshändigkeit sensibilisiert?


Meine Mutter war Linkshänderin. Hauptsächlich war sie Hausfrau und spielte Blockflöte, musste damals in der Schule aber alles auf rechts umlernen: Schreiben, Malen, das Spielen auf der Blockflöte und vieles mehr. Gewisse Sachen macht sie heutzutage dennoch links, z. B. Brot schneiden, Einfädeln beim Nähen usw.

Ich bin Rechtshänder und hatte u. a. aufgrund der Situation meiner Mutter irgendwann angefangen, mich mehr mit dem Thema Händigkeit auseinanderzusetzen. Unsere Kultur ist auf Rechtshändigkeit konditioniert, sage ich ganz provokativ. Alltagsgegenständen sind in der Regel für Rechtshänder konzipiert. Mittlerweile gibt es Gebrauchsgegenstände, die für Linkshändigkeit angepasst sind – siehe Scheren, Messer, Uhren usw. Und warum z. B. sagt man: »Das mache ich mit links«? Es bedeutet so etwas wie »locker« und »leicht zu bewältigen«. Diese Dualität über was angeblich gut und schlecht, was angeblich schwer und was einfach sein soll, hatte mich beschäftigt.



Welche Bedeutung hat Linkshändigkeit für dich als Violinist und Geigenlehrer?


Ist jemand linkshändig, kann der Bogen mit dieser linken Hand, diesem linken Arm viel besser geführt werden und das ist eminent wichtig. Gewicht geben und wieder nehmen, Bogenwechsel ausführen, Melodien führen und fühlen… Die ganze Fühl-Welt geht unter, wenn sich die dominante Hand nicht ausdrücken darf, denn der musikalische »Plan« liegt im Bogen. Dort ist der Ursprung.

Möchte ich linkshändige Schüler entsprechend linksherum spielen lassen, erlebe ich teils große Widerstände, denn sie möchten nicht »anders« sein, nicht auffallen und erlernen deshalb das Geigenspiel oftmals wie Rechtshänder.

In meinen Ohren hat die Tongebung bei Linkshänderschülern, die mit rechts streichen, etwas Hölzernes, was schwer wegzukriegen ist. Ich spüre gleich von Anfang an, dass etwas Gehemmtes in der Bogenführung mitschwingt. Es hat etwas Künstliches und zu sehr Bemühtes.


Allerdings gab es eine linkshändige Schülerin, Sofia Heuri, die das Violinspiel von Anfang an linksherum erlernte. Die Mutter hatte sich sehr dafür eingesetzt, dass ihre Tochter linksherum beginnen sollte und mir Literatur diesbezüglich gegeben. Im Unterricht setzte Sofia alles spiegelbildlich um und sie verfügte über eine schnelle Aufnahmefähigkeit.

Ich habe mich sehr gefreut, sie von klein auf als linkshändige Geigerin ihre ersten Jahre begleiten zu dürfen. Auf dem Instrument kam sie wirklich weit, spielte mehrfach als Solistin des Usterer Kammerorchesters, u. a. mit vierzehn Jahren Sarasates Zigeunerweisen.

Sofia mietete zuerst ihr Instrument beim Geigenbauer Hans-Peter Rast (heute von Sohn Felix Rast übernommen) in Zürich. Es handelte sich dabei um eine ursprüngliche Rechtshändergeige, die auf links umgebaut wurde.



Als Linksgeiger hat man, was Instrumente betrifft, nicht die Auswahlmöglichkeiten wie ein Rechtsspieler und ein Neubau bei Links- als auch bei Rechtshänderanfertigungen kann sehr unterschiedlich ausfallen. Ich glaube kaum, dass man voraussehen bzw. voraushören kann, wie ein Instrument schlussendlich klingen wird. Es muss jemand am Werk sein, der sagt: »Ich möchte das wirklich für diese Person als Linkshänderinstrument bauen und keinen Kompromiss machen« – anders wäre es weniger emotional und das wäre schade. Es geht um die Liebe zum Instrument und zum Spielen.


Für den Anfang bei kleinen Instrumenten, also ¼-, ½-, ¾-Geigen, reicht vollkommen, die Saiten andersherum aufzuziehen und nachher der Steg entsprechend anpassen zu lassen.

Bei einer 4/4-Geige hingegen ist nötig, das Instrument auch von innen auf links umzubauen, also Bassbalken und Stimmstock spiegelverkehrt anzubringen sowie die Projektion des Griffbrettes entsprechend anzupassen.



Wie definierst du die Aufgabenverteilung von Bogen- und Greifhand?


Die Tongebung liegt im Bogen, während die Greifhand für exakte Töne zu dienen hat. Der Bogen gestaltet ausdrücklich den Ton, welchen ich mit der Greifhand zwecks Vibrato mit beeinflussen kann. Es ist letztendlich die Seele des Menschen, die all das zusammenbaut, sodass sich der musikalische Reichtum auf natürliche, stimmige Art entfalten kann.


Die Arbeit in der Musikschule besteht häufig aus dem Zusammenbauen einzelner Bestandteile und nur in wenigen Fällen wird vom Schüler so viel investiert, geübt und sich interessiert, dass ein wirklich musikalisches Zusammenspiel entsteht. Diese Zusammenführung ist der Idealfall.

Ein paar Schüler sehe ich wöchentlich zwei oder dreimal, da sie neben dem Einzelunterricht in Ensembles mitwirken. Auf der einen Seite ist das mitunter zwar anstrengend für mich, auf der anderen Seite aber auch viel besser, weil sie dadurch stärker eingebunden sind: So kommen sie häufiger zum Musizieren, als wenn sie zu Hause wären und dann keine Lust, Zeit, Energie usw. haben.


Heutzutage werden schnelle Leistungen und Resultate fälschlicherweise als das Erstrebenswerteste betrachtet, aber für mich als Lehrer ist das Wichtigste, dass jemand glücklich ist und etwas erarbeitet, was einmalig ist und für das er sich Zeit nehmen darf und soll. Wie »schnell« dann »gearbeitet« wird, ist nicht so wichtig, sondern vielmehr die wirkliche Freude an dem, was man tut, und dass man die Zeit hat, herauszufinden wie das Musizieren für einen selbst aufgeht, denn es bleibt letztendlich eine ganz eigene, individuelle Abstimmung.


In Brasilien, wo ich aufgewachsen bin, war der reguläre Schulunterricht halbtags. Danach konnte ich nach Hause und in die Musikschule gehen, um mich dem Geigen- und Bratschenspiel zu widmen – Mitschüler, die an die Universität wollten, haben nachmittags dementsprechende Vorbereitungskurse absolviert. Ich habe sehr spät mit dem Violin- und Bratschenspiel begonnen, aber es war von Anfang an meine Passion. Wir gingen in ein älteres Haus und der Musiklehrer hat uns alle Räume aufgemacht. Manchmal kam er hinein und gab uns Hinweise, wie wir bestimmte Stellen üben sollten. Ein wunderbarer Mensch: Er hat Musik mit uns gemacht und deswegen mache auch ich Musik! »Ihr müsst die Melodien leben lassen!«, sagte er immer wieder.

Die Erfahrung, ein dafür passendes Umfeld und die nötige Zeit gehabt zu haben, um zusammen musizieren zu können, war sehr wichtig.






Titelbild: Originale Linkshändergeige, um 1900 / Linksgespielt

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